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Salzburg abseits der Touristenpfade: original oder echt?

Liebe Freundinnen von Welt,

wir waren wegen einer Hochzeit in Salzburg, nicht wegen Salzburg. Kein Besichtigungsprogramm, keine Festung, dafür aber viel Romantik. Dann war doch noch ein bisschen Zeit, und der Mann hatte sogar Theaterkarten für die Salzburger Festspiele besorgt. Herrlich!

Was mir in Salzburg auffiel: Es gibt fast alles doppelt. Mozartkugeln, die Altstadt …

Eure Kirsten, Freundin von Welt

Das Geld kam aus Hallein

Der Dom, die Festung, die vielen Kirchen: bezahlt hat das alles das Salz. Hallein liegt gut 15 Kilometer flussaufwärts, von der Altstadt aus sieht man es nicht, aber mehr als die Hälfte der Einnahmen der Fürsterzbischöfe kam von dort, vom Dürrnberg über Hallein, wo seit ungefähr 750 vor Christus Salz abgebaut wird.

Daraus Geld zu ziehen, das hat Erzbischof Eberhard II. verstanden, der von 1200 bis 1246 regierte. Er drückte mit Dumpingpreisen die Konkurrenz aus dem bayerischen Reichenhall aus dem Markt. Als sie weg war, hob er die Preise wieder an, indem er einfach weniger fördern ließ.

Der Name Hallein kommt von „Hall“, einem alten Ausdruck für einen Salzort. Die Stadt trägt ihren Zweck im Namen. Alles, was man in
Salzburg anschaut, steht auf einer Rechnung, die dorthin ging.

Zwei Altstädte, ein Fluss

Die Salzach trennt die Altstadt in eine linke und eine rechte Hälfte, beide zusammen sind seit 1996 UNESCO Welterbe. Die eigentliche Verdopplung steckt aber schon im linken Ufer. Da liegen zwei Städte nebeneinander: die mittelalterliche Kaufmannsstadt mit der Getreidegasse und den schmalen hohen Häusern, und daneben der Barockbezirk der Fürsterzbischöfe mit Dom, Residenz und Plätzen, auf denen man sich klein vorkommt.

Das Barock war ein Abriss. Wolf Dietrich von Raitenau begann 1588 umzubauen, dann brannte 1598 der Dachstuhl des alten Doms, was seinen Plänen entgegenkam: Ab 1606 ließ er den romanisch-gotischen Rest ganz abtragen. Das Welterbe von heute ist eine Neuplanung, für die eine ältere Kirche verschwinden musste.

Immerhin hat die Stadt früh gemerkt, was sie da hat. Das Altstadterhaltungsgesetz kam 1967, 29 Jahre vor der UNESCO.

Interessant ist die Getreidegasse: Dort gibt es sogenannte Durchhäuser, Häuser mit öffentlichem Durchgang. Wie viele genau, habe ich nicht herausgefunden. Salzburg.info zählt 16, Wikipedia 14. Eine Stadt, die ihre eigenen Durchgänge nicht zusammenbekommt, ist mir sympathisch.

Mozartkugel: original, echt oder egal?

Irgendwann zwischen Ankunft und Hochzeit gab es beinahe Streit über Mozartkugeln. S., gebürtige Salzburgerin und Trauzeugin, sagte, es müssten die blauen von Fürst sein, alles andere schmecke nicht. Ihr Mann, kein Salzburger, sagte, eine Tüte aus dem Supermarkt tue es auch.

Diplomatisch gesagt: Beide haben recht.

Paul Fürst hat die Mozartkugel um 1890 erfunden, in der Brodgasse, von Hand gerollt und in dunkle Schokolade getunkt. Nur seine Firma darf sie „Original Salzburger Mozartkugel“ nennen.

Mirabell muss „Echte Salzburger Mozartkugeln“ schreiben. Und Reber aus dem bayerischen Bad Reichenhall darf das Wort Salzburg gar nicht erwähnen und verkauft „Echte Reber Mozart-Kugeln“.

Der Freund kauft also echte Kugeln. Nur eben keine originalen. Über diesen Unterschied ist in Österreich prozessiert worden, bis hinauf zum Obersten Gerichtshof. Erkennen kann man die originale Kugel an der Folie: silbern, mit blauem Mozart darauf. Die echte von Mirabell ist rot-gold. Zehn Stück lose kosten bei Fürst 22 Euro, der Onlineshop macht den ganzen Sommer zu, weil die Kugeln sonst schmelzen. Sie sind empfindlicher als der Streit um sie.

Heiraten, wo die Mätresse des Erzbischofs residierte

Die Hochzeit, für die wir angereist waren, fand im Marmorsaal von Schloss Mirabell statt. Echte Sissi-Vibes, würde ich in Unkenntnis der Geschichte sagen. Stimmt so nämlich nicht. Denn: Das Haus hieß mal Altenau. Fürsterzbischof Wolf Dietrich ließ es 1606 für seine Geliebte Salome Alt bauen, Mutter von zehn, fünfzehn oder sechzehn gemeinsamen Kindern, je nachdem, wer zählt. Als Wolf Dietrich stürzte, musste sie gehen; sein Nachfolger gab dem Haus einen neuen Namen.

Hinauf zum Saal führt eine Treppe von Georg Raphael Donner, weißer Marmor, an der Balustrade sitzen Putten. Man soll sie im Vorbeigehen antippen, das bringe Eheglück. Ich habe alle angetippt, sicherheitshalber.

Die Stadt Salzburg nennt den Saal „angeblich den schönsten Trauungssaal der Welt“. Im Konjunktiv. Wer das wann festgestellt hat, steht nirgends. Ein Ort, der sich selbst so vorsichtig lobt, hat vermutlich recht.

Was man nicht darf: Reis werfen, Blütenblätter streuen, Konfetti. Alles strengstens untersagt, aber wer käme in solch einem Ambiente schon auf diese Ideen?

Danach ging es in den Mirabellgarten, zum Fotografieren. Mit all den anderen Touristen.

Um den Pegasus-Brunnen dort hüpft in der Musicalverfilmung „The Sound of Music“ die junge Maria mit den sieben Trapp-Kindern und singt „Do-Re-Mi“. Der Film gehört zu den erfolgreichsten der Kinogeschichte, über eine Milliarde Menschen haben ihn gesehen, und bei der Oscar-Verleihung 1966 gewann er fünf Preise, darunter besten Film und beste Regie.

In Österreich dagegen war der Film 1965 ein Flop. Niemand interessierte sich für die amerikanische Sicht auf die Familie Trapp, und mit der noch nahen NS-Vergangenheit wollte sich das Kinopublikum damals nicht befassen.

Der Mann kannte den Film nicht. Ich musste ihm erklären, warum am Brunnen so viele Leute mit dem Handy hantieren.

Neben mir hüpften Frauen um das Brunnenbecken und filmten sich dabei. Das ist bestimmt jetzt auf diversen social media Kanälen zu sehen.

Für einen großen Teil der Welt ist das echte Salzburg das aus diesem Film. In der Stadt werden Bustouren zu den Drehorten verkauft. Gesehen hat den Film hier trotzdem kaum jemand.

Die Villa, die keiner behalten will

Am Kapuzinerberg, Hausnummer 5, steht das Paschinger Schlössl. Stefan Zweig hat dort von 1919 bis 1934 gewohnt und Thomas Mann, James Joyce und Hugo von Hofmannsthal empfangen. Dann musste er gehen, und später schrieb er „Die Welt von Gestern“, ein Buch darüber, dass alles weg ist.

Heute gehört das Haus Wolfgang Porsche. Er hat es 2020 für 8,4 Millionen gekauft und dann saniert. Vor allem wollte er einen Tunnel: durch den Kapuzinerberg, mit Tiefgarage, ungefähr zehn Millionen teuer. Die Baubewilligung kam im Herbst 2025 und kostete 48.000 Euro Gebühr.

Salzburg hat ein Jahr lang darüber gestritten. An den Wänden hingen Plakate: „Eine Stadt für alle statt ein Tunnel für einen.“ Jetzt verkauft Porsche die Villa wieder, für rund 12,7 Millionen, über einen französischen Makler. Die Tunnelgenehmigung steht im Inserat als Vorzug. Der Käufer darf dann auf eigene Kosten bohren.

Die Universität Salzburg hätte das Haus gern. Als Erinnerungsort für Stefan Zweig.

Salzburg hat auch längst einen Tunnel durch einen Berg. Das Sigmundstor führt seit 1767 durch den Mönchsberg, 131 Meter, der älteste
Straßentunnel Österreichs.

Hinauf zum Zweig-Weg kommt man über die Imbergstiege, 261 Stufen. Im 18. Jahrhundert sind hier Wallfahrer auf den Knien hochgerutscht, für den Ablass ihrer Sünden. Am 2. August 1756 brach die hölzerne Treppe unter der Menge zusammen und erschlug sechs Menschen. Eine Tafel erinnert daran.

Zum Schluss: den Tieren zuhören

Die Salzburger Festspiele haben eine Außenstelle. Sie liegt in Hallein, auf der Perner-Insel, in der Sudhalle einer alten Saline. Also genau dort, wo das Geld herkam.

Wir haben „Unter Tieren“ gesehen, die Uraufführung eines Textes von Elfriede Jelinek, Regie Nicolas Stemann, der Jelinek schon elfmal uraufgeführt hat. Drei Stunden und vierzig Minuten, keine Pause (aber man darf den Saal zwischendrin verlassen und wieder reinkommen). Es reden Bären, Kühe, Ratten, Schweine, Dachse, Delfine und Tauben, und es geht um Geld in einer Welt, die vom Zwang zum immer weiteren Wachstum regiert wird.

Drei Bilder sind geblieben. Während die Tauben reden, tragen Männer mit übergroßen Benko-Masken die Möbel von der Bühne und entschuldigen sich: „Das gehört meiner Mama.“

Enten sammeln eine Kollekte für Wolfgang Porsche, damit Salzburg beweisen kann, dass es nicht reichenfeindlich ist.

Und Caroline Peters, im Hasenkostüm, will Geld aus einem Zylinder zaubern, wie es die Finanzjongleure tun. Es klappt nicht, und dann sagt sie: „Oje, ich bin zu alt.“ Der ganze Saal singt den Satz mit. Ein Publikum jenseits der siebzig, dem es an Kreditwürdigkeit nicht fehlt, singt gemeinsam den einen Satz, der irgendwann für jedes Leben gilt. Ich habe natürlich mitgesungen. Und es gefühlt.

Die heftige Szene mit den Schweinen und den Bolzenschussgeräuschen erzähle ich hier lieber nicht.

Ich saß in Hallein, dessen Salz den Dom bezahlt hat, in einem Stück darüber, dass am Ende alles am Geld hängt. An dem einen Tag hatte ich Putten angetippt, damit eine Ehe hält. An dem anderen erklärten mir Ratten die Schulden.

Es war ein sehr kurzweiliger Abend. Die Wörter „Jelinek“ und „kurzweilig“ stehen selten so nah beieinander.

Salzburg in Kürze

Anreise: mit der Bahn, in der Stadt zu Fuß, nach Hallein mit dem Bus. Ich bin übrigens Nachtzug-Fan und mag besonders die Mini-Cabins im ÖBB Nightjet.

Übernachten:

Gästehaus im Priesterseminar, Dreifaltigkeitsgasse 14, gaestehaus-priesterseminar-salzburg.at/. Das Haus schreibt selbst auf seine Website, dass es keine Klimaanlage und wegen der umliegenden Straßen keine ruhigen Zimmer hat. Ehrlich ist das. Toller Innenhof, Frühstück mit selbstgemachter Marmelade und frisch gebackenem Kuchen im schönen (und ruhigen) Innenhof.

Essen:

Johanneskeller im Priesterhaus, Richard-Mayr-Gasse 1, Dienstag bis Samstag 17 bis 23 Uhr, nur Bargeld, kein WLAN.

IMLAUER Brasserie Mirabell, Mirabellplatz 8, täglich 11.30 bis 23.30 Uhr.
https://imlauer.com/brasserie-mirabell/

Mozartkugeln:

Café-Konditorei Fürst, Brodgasse 13, Montag bis Samstag 9 bis 19 Uhr, Sonntag und feiertags 10 bis 17 Uhr. Zehn Stück
lose 22 Euro. Sechs Standorte in der Stadt. Der Onlineshop macht bis Anfang Oktober zu. original-mozartkugel.com

Heiraten:

Standesamt Salzburg, Mirabellplatz 4. Termin über den Online-Hochzeitskalender der Stadt, Rückmeldung binnen 14 Werktagen. Kein Reis,
keine Blütenblätter, kein Konfetti. Vom 4. bis 17. Oktober 2027 finden wegen Sanierung keine Trauungen statt.
https://www.stadt-salzburg.at/standesamt/ehe-und-verpartnerung

Mirabellgarten: im Sommer ab 5 Uhr, im Winter ab 7 Uhr, Eintritt frei. Zwergerlgarten und Heckentheater sind im Winter geschlossen.

Häufige Fragen

Welche Mozartkugeln sind die echten?
Alle. Original ist nur eine: die von Fürst, silberne Folie, blauer Mozart. „Echt“ dürfen auch Mirabell (rot-gold) und Reber schreiben.

Und die Salzburger Nockerln?
Gebackener Eischnee mit Zucker und wenig Mehl, oben Puderzucker wie Schnee auf den Bergen. Klassisch sind es drei Spitzen, eine je Stadtberg. Erfunden haben soll sie Salome Alt in der Schlossküche, die Geliebte von Wolf Dietrich, andere Quellen halten das Ganze für bayerisch, die Herkunft gilt als ungeklärt. Mein Nockerl in der IMLAUER Brasserie Mirabell hatte nur eine Spitze. Vielleicht waren die Berge gerade knapp?

Wann sind die Salzburger Festspiele 2027?
Die Sommertermine standen im Spätsommer 2026 noch nicht fest. Das Programm wird meist Anfang Dezember des Vorjahres vorgestellt. Das Große Festspielhaus wird nach jetzigem Stand ab Herbst 2028 saniert, der Sommer 2027 ist davon nicht betroffen.

Wie kommt man an Karten für die Salzburger Festspiele?
Über ein zweistufiges Verfahren, bei dem man sich bewirbt und erst später erfährt, ob man die Karten bekommt.

Sobald das Programm erscheint, können Karten bestellt werden. Bestellungen müssen Details wie die Vorstellung, Anzahl der Karten und Kategorie enthalten, genaue Plätze können jedoch nicht gewählt werden. Die Bestellungen werden bis zu einem bestimmten Stichtag gesammelt, danach erfolgt die Zuteilung der Karten laufend bis Ende März.

Vorrang haben Mitglieder des Fördervereins und langjährige Abonnenten; je länger die „Festspieltreue“, desto besser die Chance. Was danach frei bleibt, geht ab dem Frühjahr in den Direktverkauf.

Kann man die Villa Zweig besichtigen?
Nein, sie ist in Privatbesitz und steht zum Verkauf. Wer Zweig sucht, geht ins Stefan-Zweig-Zentrum in der Edmundsburg oberhalb der Felsenreitschule.

Woher kam das Geld für die Barockstadt?
Aus dem Salz. Abgebaut am Dürrnberg über Hallein, gehandelt auf der Salzach, verwaltet von den Fürsterzbischöfen, die mehr als die Hälfte ihrer Einnahmen daraus zogen.

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