Liebe Freundin von Welt,
in einem engen Durchgang des Felsenlabyrinths Luisenburg bleibt unsere Führerin Christine Roth stehen und sagt: Guck mal hier zur Seite. Ein Fleck Moos, unscheinbar, grau-grün, genau wie jeder andere Fleck Moos. Sie schickt uns zwei Schritte zur Seite, das Licht fällt jetzt auf das Moos und es leuchtet. Smaragdgrün, wie von innen. Vor uns sind gerade eben ein Dutzend Leute vorbeigekommen, die es nicht gesehen haben.
Das ist auch die Kurzfassung des ganzen Fichtelgebirges. Ein Ort, den man übersieht, wenn man nicht weiß, wie man hinschaut. Ich habe hingeschaut.
Deine Kirsten, Freundin von Welt
Das Fichtelgebirge: ein Hufeisen aus Granit
Ein nach Osten geöffnetes Hufeisen aus Granit: das Fichtelgebirge. Es liegt in Oberfranken/Nordbayern. Die Region reicht von Bayreuth bis an die tschechische Grenze.
Wasser vom Dach Europas: die Egerquelle
Im Osten, am Nordwesthang des Schneebergs, entspringt die Eger als gefasster Quellstein auf 750 Metern, initiiert von der böhmischen Stadt Eger, mit Granitsteinen der zwölf Orte, die die Fassung 1923 bezahlten.
Warum ist das „Wasser vom Dach Europas“? Das bedeutet: hier liegt die europäische Wasserscheide. Main, Saale und Eger fließen von hier aus zur Nordsee, die Naab zur Donau und weiter ins Schwarze Meer, ein Kontinent, der sich auf wenigen Kilometern teilt. Früher hieß die Gegend „Nabel Deutschlands“, auch „Herzbrunnen Europas“. Direkt an der Quelle beginnt der Eger-Radweg.



Bayreuth: Bier aus weichem Wasser
Ich mag eigentlich kein Bier. Trotzdem stehe ich bei Maisel & Friends und höre Norbert Herath zu, Anfang siebzig, schwarzes Hemd, Playboy-Häschen am Kettchen, der mit todernster Miene Wasserchemie erklärt: Granit macht das Wasser hier weich, zwei Grad deutsche Härte, seit 1887 ein Wettbewerbsvorteil der Familienbrauerei. „Auch Wasser wird zum edlen Tropfen, vermischt man es mit Malz und Hopfen“, zitiert er einen alten Brauerspruch. Beim ersten Glas, dunkel, malzig, fränkisch, schmeckt es mir ausgerechnet. Schuldbewusst gut. Noch besser schmeckt mir aber das Bieramisu im Restaurant Liebesbier.
Dafür, dass ich kein Bier mag, bin ich ziemlich oft in Brauereien unterwegs (die mag ich). Mehr Bier-Beiträge findet ihr hier:
Zoigl – die wundersame Bierkultur der Oberpfalz
Tschechien: Mit Papa auf ein Pils nach Pilsen





Ochsenkopf: ein Berg fürs ganze Jahr
Am Ochsenkopf: zwei moderne Kabinenseilbahnen bringen Besucher von der Nord- und der Südseite ganzjährig auf den 1024 Meter hohen Gipfel. Oben: ein neuer Bike-Park, ein Spielplatz, ein Aussichtsturm, mehr ist geplant. In der Region: die erste Sommersprungschanze der westlichen Welt, die Rollerski-Bahn und die Sommerrodelbahn Bischofsgrün. All das ist nötig, denn die Skisaison wird jedes Jahr kürzer. Vor der Mountain-Cart-Abfahrt sagt Geschäftsführer Markus Döhla: Jeder fährt auf eigenes Risiko, die eigene Angst bestimmt die Geschwindigkeit. Trifft es für mich ziemlich genau – ich fahre so langsam, wie ich will. Weit entfernt vom Maximaltempo 40 km/h habe ich so viel mehr von der etwa 1000 Meter langen Abfahrt.





Das Fichtelseemoor
Mit Florian Engelbrecht, Gebietsbetreuer beim Naturpark Fichtelgebirge, gehen wir zum Fichtelseemoor, dem größten Moorkomplex der Region. Er drückt eine Handvoll Torfmoos aus, Wasser tropft heraus. „Das ist wie ein Schwamm“, sagt er. Ein Millimeter wächst es pro Jahr, die Schicht hier ist über sechs Meter dick – mehr als sechstausend Jahre, in einer Hand. 1840 begann der industrielle Torfabbau, nach neun Jahren war die Hälfte weg, 1949 wurde hier zuletzt gestochen. Die alten Entwässerungsgräben werden heute mit „Torfplomben“ wieder verschlossen. Das Auerhuhn, größter Hühnervogel Europas, stirbt hier gerade aus.


Luisenburg: gigantisches Labyrinth aus Granit
Christine Roth führt uns durchs größte Felsenlabyrinth Europas, dreihundert Millionen Jahre alter Granit, „wie Brotscheiben“ auseinandergebrochen, sagt sie. Wohlhabende Wunsiedler Bürger und Kurgäste aus Bad Alexandersbad haben daraus Anfang des 19. Jahrhunderts einen bürgerlichen Landschaftspark gemacht. Natur, die zur Kulisse wurde. Am Ende lässt Roth uns die Arme ausstrecken, uns selbst auf die Schulter klopfen: alles gut gemacht. Ich komme mir albern vor. Es wirkt trotzdem. Goethe war dreimal hier und schrieb an Charlotte von Stein: „Der Granit lässt mich nicht los!“ Ob er auch das leuchtende Moos gesehen hat? Die Felsenlandschaft wurde als Nationales Naturmonument ausgezeichnet. Damit wäre Goethe sicher einverstanden. Für die Tour über nicht genormte Treppen und durch enge Felsspalten Wanderschuhe anziehen und mindestens zweieinhalb Stunden einplanen.







Wassergeschichten im Museum Bergnersreuth
Wir stehen mit Museumsleiterin Dr. Sabine Zehentmeier-Lang in der Ausstellung „WASSERgeschichten“. Sie erklärt, wie sie an das Thema herangegangen ist: erst die große Idee, dass Wasser etwas Paradiesisches sei, das aus der Quelle kommt – „1692, Magister Will: das Fichtelgebirge ist ein Paradies“, zitiert sie. Dann die Aufteilung in acht verschiedene Wasser-Themen: von Katastrophen über Gesundheit und Wirtschaft bis zur Wasser-Zukunft.
Der Ausstellungsort selbst, ein Bauernhof von 1920, hatte schon damals warmes Wasser, das über den Backofen lief. Dazu eine dunklere Wassergeschichte aus der Region: Markgraf Georg Wilhelm ließ sich ab 1701 bei Bayreuth eine eigene Stadt bauen, St. Georgen, am Ufer eines Sees – dazu sechs Kriegsschiffe. Zur Unterhaltung des Hofes wurden Seeschlachten nachgestellt, bevorzugt „Türken gegen Christen“, mit echten Kostümen aus dem Schlossinventar. Aus dem Spiel wurde mehrfach Ernst: Bei einem Manöver mit 2000 Soldaten starben zwei bis drei Matrosen durch echte Verwundungen. Geblieben sind die Matrosengasse und ein paar Schiffsmodelle im Stadtmuseum. Fürstliche Langeweile konnte im 18. Jahrhundert teuer werden – nur nicht für den Fürsten.




Die Flussperlmuschel in der Huschermühle
1732 stand auf das Stehlen von Flussperlen die Todesstrafe oder die Hand ab. Heute kämpft Wolfgang Degelmann in der Huschermühle fürs nackte Überleben der Art: Die Jungtiere füttert er mit einer Algensorte, die nur eine einzige Firma in den USA herstellt – die Lieferung scheitert regelmäßig am Zoll. In freier Wildbahn gibt es hier keine Muschel mehr, die jünger als dreißig Jahre ist. „Wir haben die Muschel an den Rand des Aussterbens gebracht“, sagt Degelmann. „Deshalb ist es legitim, sie zu retten. Wir sind die Verantwortlichen.“





Fernweh-Park: im Schilderwald
Klaus Beer war vierzig Jahre Sparkassenangestellter, „aber Zahlen waren nie so mein Ding“. Sein Ausgleich: Fernreisen, 27 Mal Amerika. 1999 eröffnete er in Hof den Fernweh-Park, heute in Oberkotzau, mit tausenden von Ortsschildern aus aller Welt und über 600 signierten Star-Schildern und Handabdrücken in Ton, „ein Zeichen für den Frieden“. Bei Arnold Schwarzenegger dauerte es sechs Jahre bis zum Termin. „Ich habe die Finger des Terminators persönlich in den Ton gedrückt“, sagt Beer. „Ich höre erst auf, wenn ich Obama und Stallone habe.“


Sprachschätze im Erika-Fuchs-Haus
Erika Fuchs übersetzte 37 Jahre lang die „Micky Maus“ und baute nebenbei die deutsche Sprache um: „grübel“, „ächz“, „stöhn“ – der „Erikativ“ heißt nach ihr. Sie hat Entenhausen gleich nach Oberfranken verlegt: Die Ducks machen Ferien am Fichtelsee, Dagobert besitzt einen Skilift am Ochsenkopf. Im Museum empfiehlt die Leiterin Dr. Joanna Straczowski, ein Talerbad wie Dagobert zu nehmen: „Das ist gut für den Teint. Mach ich auch regelmäßig.“ Fuchs schrieb Donald einmal in den Schnabel: „Der Mensch lebt nur einmal. Und dann nicht mehr.“




Bad Weißenstadt: Wasser als Kurgeschäft
Stefan Gesell hat die Stadt seit 2002 von der Porzellankrise weg und Richtung Kur entwickelt: „Bayerns jüngstes Heilbad“, sagt er selbst, „und das wird es wohl auch noch einige Jahre bleiben.“ Der große Badesee davor lag anderthalb Jahrhunderte trocken, bevor ihn die Stadt 1976 neu anlegte, mit fünfzig Hektar Wasserfläche.
Ich schwebe im Solebecken der Siebenquell-Therme. Unter Wasser läuft eine eigens patentierte Beschallung, darüber wölbt sich eine 360-Grad-Kuppelprojektion. Das Becken ist eine von sieben Stationen der „GesundZeitReise“, angeordnet um einen sieben Meter hohen Obelisken aus schwedischem Granit. Gut, dass ich danach im Bademantel durch einen Gang direkt ins Hotel rüberschlappen kann.
Am letzten Abend denke ich wieder an das Moos in der Luisenburg. Ein Kontinent teilt sich hier oben in zwei Richtungen, mitten durch ein Gebirge, das kaum jemand kennt. Das Dach Europas ist kein Ort, an dem man zufällig vorbeikommt. Man muss wissen, dass es da ist. Und dann hinschauen.




Fichtelgebirge Highlights:
Die zehn Stationen liegen verstreut zwischen Bayreuth, Bischofsgrün, Wunsiedel, Arzberg, Regnitzlosau, Oberkotzau, Schwarzenbach und Weißenstadt, mit Auto am bequemsten zu erreichen. Adressen, Zeiten und Preise, Stand 16. September 2026:
Egerquelle, Start des Eger-Radwegs. Wanderparkplatz direkt an der Quelle, über den Schneebergpass von Bischofsgrün oder Bad Weißenstadt aus erreichbar.
Maisel & Friends, Andreas-Maisel-Weg 1, Bayreuth. Mo–Sa 11–20 Uhr, So/Feiertag 11–18 Uhr. Audioguide-Führung täglich bis 18 Uhr (Einlass bis 17 Uhr), ab 16 €.
Seilbahn Ochsenkopf, Bischofsgrün (Nord) und Fleckl (Süd). Täglich 10–17 Uhr, wetterabhängig – aktuelle Zeiten unter ochsenkopf.info. Mountain Cart 11,50 € pro Person inkl. Bergfahrt (ab 12 Jahren/140 cm). Alpine Coaster: Kasse an der Talstation Nord in Bischofsgrün, Sommer täglich 10–16:30 Uhr. Bikepark-Tagespreis: Preisliste auf ochsenkopf.info
Fichtelseemoor, Naturwaldreservat nördlich des Fichtelsees. Frei zugänglich über den Bohlenweg ab den Parkplätzen am Fichtelsee. Geführte Moorwanderungen gibt es, feste Termine für 2026/2027 waren online nicht zu finden – direkt beim Naturpark Fichtelgebirge e.V. erfragen.
Felsenlabyrinth Luisenburg, Wunsiedel. Täglich 8:30–18 Uhr, während der Festspielzeit bis 19 Uhr (bei Sturm, Regen oder Schnee geschlossen). Erwachsene 6 €, Familienkarte 14 €, Kinder 2 €.
Museum Bergnersreuth, Wunsiedler Str. 12–14, Arzberg-Bergnersreuth. Di–So 10–17 Uhr, montags geschlossen. Winterzeiten können abweichen, vorher auf bergnersreuth.de prüfen.
Huschermühle, Huschermühle 61, Regnitzlosau. Keine festen Öffnungszeiten – nur nach Voranmeldung über muschelmühle.de. Von März bis Oktober zusätzlich geführte Exkursionen ins Freiland.
Fernweh-Park, Fabrikstraße 11, Oberkotzau. Rund um die Uhr frei zugänglich, kein Eintritt.
Erika-Fuchs-Haus, Bahnhofstraße 12, Schwarzenbach an der Saale. Di–So 10–18 Uhr, geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember. Erwachsene 7 €, ermäßigt 5 €, Familie 16 €.
Siebenquell Therme, Thermenallee 1, Weißenstadt. Täglich 10–22 Uhr, auch an Feiertagen. Tageskarte Wasser- und Saunawelt 34,50 €, Tagesgäste parken kostenfrei auf dem resorteigenen Parkplatz. Der Weißenstädter See direkt daneben: 4 Kilometer Uferweg, asphaltiert, frei begehbar.




Noch Fragen zum Fichtelgebirge?
Kommt man ohne Auto ins Fichtelgebirge?
Bayreuth selbst ist per Bahn gut erreichbar, aber die zehn Stationen dieser Reise liegen verstreut zwischen Bayreuth, Bischofsgrün, Wunsiedel, Arzberg, Regnitzlosau, Oberkotzau, Schwarzenbach und Weißenstadt. Für die ganze Route braucht es ein Auto.
Lohnt sich das Fichtelgebirge als Tagesausflug?
Für einen einzigen Tag realistisch sind zwei, drei benachbarte Stationen – zum Beispiel Bayreuth mit Maisel & Friends und der Ochsenkopf, oder Wunsiedel mit der Luisenburg und dem Museum Bergnersreuth. Wer die ganze Wasser-Route will, braucht die vollen vier Tage wie in diesem Beitrag.
Was kostet ein Tag im Fichtelgebirge?
Die Eintritte allein bewegen sich zwischen null (Egerquelle, Fichtelseemoor und Fernweh-Park sind frei zugänglich) und rund 35 Euro (Tageskarte Siebenquell-Therme). Ein Museumstag mit zwei, drei Stationen liegt meist unter 20 Euro pro Person – Übernachtung und Essen kommen dazu.
Ist das Fichtelgebirge auch mit Kindern machbar?
Ja, mehrere Stationen haben Familientarife (Luisenburg 14 €, Erika-Fuchs-Haus 16 €). Beim Mountain Cart am Ochsenkopf gilt eine Mindestgröße von 140 cm beziehungsweise ein Mindestalter von 12 Jahren – am besten vorher direkt bei der Seilbahn nachfragen, was für jüngere Kinder infrage kommt.
Muss ich die Huschermühle vorher buchen?
Ja. Die Flussperlmuschel-Aufzuchtstation hat keine festen Öffnungszeiten und ist nur nach Anmeldung zu besichtigen: muschelmühle.de
Warum heißt das Fichtelgebirge „Dach Europas“?
Über die Gipfel läuft die europäische Hauptwasserscheide: Main, Saale und Eger fließen von hier zur Nordsee ab, die Naab über die Donau ins Schwarze Meer. Ein Regentropfen kann sich hier auf wenigen Kilometern für zwei völlig verschiedene Meere entscheiden.
Und wenn ich, wie die Autorin, eigentlich kein Bier mag?
Bei Maisel & Friends in Bayreuth ging es mir genauso – bis zum ersten Glas Landbier. Wer trotzdem lieber bei Kaffee bleibt: Auf dem Gelände gibt es auch eine eigene Kaffeerösterei.
Offenlegung: Ich habe das Fichtelgebirge im Rahmen einer Pressereise erlebt.
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