Liebe Freundin von Welt,
es gibt zwei Arten, an den Comer See zu fahren. Die eine führt nach Como oder Bellagio, zu den Villen, den Bootsanlegern, den Reisegruppen mit Selfiestick. Die andere führt nach Lecco. Dorthin fährt kaum jemand. Was ein Fehler ist. Oder, je nach Blickwinkel, ein Glück.
Die Einheimischen nennen den See gern bei seinem lateinischen Namen, Lario. Auf der Karte sieht er aus wie ein umgedrehtes Y, Lecco liegt ganz unten rechts, am Ende des östlichen Arms. Dort, wo der See aufhört, ein See zu sein, und wieder zum Fluss wird – zur Adda. Das hat schon Alessandro Manzoni so gesehen, aber dazu später.
Deine Kirsten, Freundin von Welt

Ankommen, wo der See zum Fluss wird
Vom Bahnhof sind es ein paar Minuten zu Fuß ans Wasser. Dann über die Brücke, im Halbkreis am Ufer entlang nach Malgrate, dem Nachbarort gegenüber. Dort liegt, etwas versteckt, unsere Ferienwohnung. Selber kochen können, nicht jeden Abend eine Rechnung, das ist der eigentliche Luxus.
M. will sofort ins Wasser, direkt gegenüber. Ich warte an der Promenade. Ein junger Mann kommt vorbei und mahnt, nicht so weit rauszuschwimmen, das sei gefährlich. Er empfiehlt Abbadia als Badeort, ein Stück den See hinauf.

Wandern wäre möglich
Am Morgen die Frage aller Fragen: Wandern oder nicht. Die Berge ragen direkt am See auf, steil und einladend, laut M.. Er präsentiert die Optionen. Dort hinauf: 1200 Höhenmeter. Oder dort: 1400. Entweder an einem Tag rauf und runter, oder mit dem Zehn-Kilo-Rucksack und einer Übernachtung. Wanderschuhe habe ich keine dabei.
Gibt es nicht etwas mit weniger Höhenmetern?
Ja. Den Weg nach Abbadia, dem empfohlenen Badeort, schön flach am Hang entlang.
Doch der ist gesperrt.
So sieht das aus, wenn der Plan nicht aufgeht. Kein heroischer Aufstieg, keine Gipfelfoto-Belohnung. Stattdessen zwei Menschen mit Straßenschuhen vor einer Absperrung, die sich ansehen und gemeinsam beschließen, dass der See auch reicht. Hier und jetzt.
Eine Badebucht und ein Mann mit Gießkanne
Ein Drittel der Strecke nach Abbadia hatten wir trotzdem schon hinter uns, bevor klar war, dass es nicht weitergeht. Also suchen wir uns einen Zugang zum Wasser. Über die Uferstraße. Vorbei an der Strandbar, die abends zur Disco wird (bestimmt super) und schon tagsüber Eintritt für den Seezugang verlangt. Die ignorieren wir.
Und finden, nicht weit davon, ein paar Treppenstufen, die hinabführen. Unten: eine kleine Bucht. Ein winziger Kieselstrand, an dem manchmal eine Welle etwas höher schwappt. Zwei Frauen raffen rasch ihre Handtücher zusammen, fast schwimmt ein Schuh davon.
Und dann ist da dieser Mann. Drahtig, braungebrannt, in Badehose und Kuba-Mütze, geht mit einer Gießkanne die Wege ab und wässert die Pflanzen. Vielleicht hat er diese Oase selbst angelegt, als stille Antwort auf den kassierenden Betrieb nebenan.
Zurück geht es über den Radweg, am See entlang, in der prallen Sonne.

Lecco und die Literatur
Die Brücke, über die wir am ersten Tag nach Malgrate gegangen sind, heißt Ponte Azzone Visconti. Die Einheimischen sagen Ponte Vecchio, seit 1995 eine neuere Brücke daneben steht. Sie wurde zwischen 1336 und 1388 gebaut, im Auftrag von Azzone Visconti, um Lecco mit Mailand zu verbinden, damals befestigt, mit Türmen, Zugbrücken und einer Kapelle in der Mitte. Die Türme fielen 1799, die Madonna steht heute im Museum. Was bleibt, sind elf ungleiche Bögen.

Hier wird es literarisch, und das gehört zu Lecco wie das Wasser. Alessandro Manzoni hat seinen Roman I Promessi Sposi (Die Brautleute oder Die Verlobten) genau in dieser Gegend angesiedelt. Renzo und Lucia, das junge Paar, das heiraten will und vom Feudalherrn daran gehindert wird, stammen aus einem Dorf bei Lecco. Über genau diese Brücke schrieb Manzoni, sie markiere den Punkt, an dem der See endet und die Adda wieder beginnt, bis das Wasser sich erneut weitet und noch einmal See heißt.
Für die italienische Literatur ist dieser Roman ungefähr das, was Goethes Faust für die deutschsprachige ist: Pflichtlektüre, Schulqual, Denkmal. Viele Italiener der älteren Generation können den Anfang auswendig. Und viele können den Roman nicht ausstehen, gerade weil er ihnen in der Schule verleidet wurde. Umberto Eco hat das einmal trocken auf den Punkt gebracht: Er liebe das Buch, weil er das Glück hatte, es zu lesen, bevor man ihn in der Schule damit quälte.

Der Bleistift über der Stadt
Über Lecco ragt ein neugotischer Kirchturm, den hier alle nur „Matitone” nennen, den großen Bleistift. Der Name trifft es: Die spitze Turmspitze zeichnet sich am Himmel ab wie ein angespitzter Stift. Mit 96 Metern gehört der Glockenturm von San Nicolò zu den höchsten Europas.
Gebaut wurde an ihm ab 1882. 1894 ging das Geld aus, der Bau stand still. Die Leute von Lecco sammelten, bis es 1903 weiterging und das Kreuz aufgesetzt werden konnte. Ein Jahr später kamen neun Glocken, jede einer heiligen Figur gewidmet, die größte 30 Zentner schwer. In der Weihnachtsnacht 1904 läuteten sie zum ersten Mal. Wer die 396 Stufen nach oben nimmt, bekommt den See, die Stadt und die Berge ringsum als Lohn. Ich habe es mir von unten angesehen und das für eine vertretbare Entscheidung gehalten.

Lecker in Lecco: Budget-bewusste Essenstipps
Gut und günstig essen ist in Norditalien keine Selbstverständlichkeit, an einem Touristensee schon gar nicht. Lecco macht es einem leicht.
Das Ristorante Aquario ist von der hell beleuchteten, unprätentiösen Sorte. Wir bekommen sofort einen Tisch, eine Karte, kurz darauf zwei Pizzen, die etwas größer sind als die Teller darunter. Dazu ein halber Liter Wein, leicht prickelnd, wie der Kellner empfahl, und ein Liter Wasser. Die Rechnung am Ende: kein Schock, sondern unter 40 Euro. In dieser Gegend grenzt das ans Wunderbare.

Das Eis hole ich an der Gelateria Lumi, einer dunkelgrünen Bude an der Promenade, rot-weiß gestreifte Markise, ein paar Bäume als Schatten. Zwei Kugeln im Becher, denn mit Waffel kleckere ich. Café Bianco und , Moment, Schokoladensorbet. Schokolade als Sorbet, ohne Milch? Ja. Und es schmeckt nach Schokolade und gleichzeitig frisch, was ich vorher für unmöglich gehalten hätte.

Den Wandersnack, der keiner wurde, liefert die Focacceria Ligure: warmes Brot auf die Hand, belegt mit dünnen Zucchinistreifen, mit Käse überbacken. Fettig auf die gute Art. Für M. der ideale Proviant.

Und weil wir kochen wollten, brauchten wir Zutaten. Die fanden wir im Fruttorto, einem Obst- und Gemüsegeschäft mit Beratung. Wir sprechen über den Geschmack von Ochsenherztomaten, ich entscheide mich für die Pomodori mit dem meisten Aroma. Dazu Paprika, Gurken, eine Zitrone und, natürlich, Aprikosen. Eine Packung Pasta noch irgendwo aufgetrieben, und das Abendessen war gesichert. Zumindest der Primo. Wer braucht schon einen Secondo.
Gut zu wissen – Lecco am Lago di Como
Anreise: Lecco liegt am östlichen Arm des Sees. Von Mailand Centrale fährt die Regionalbahn Trenord stündlich direkt nach Lecco, Fahrzeit rund 40 bis 50 Minuten, Ticket etwa 5 bis 7 Euro. Von Hamburg aus mit dem Zug über die Schweiz nach Mailand und dort umsteigen.

Übernachten: Wir haben in Malgrate gewohnt, dem Ort gegenüber von Lecco. Kurzer Weg über die Brücke, ruhiger als die Stadt, mit Blick zurück aufs Ufer. Eine Ferienwohnung mit Küche lohnt sich, weil man dann auf dem Markt und im Fruttorto einkaufen kann.
Baden: geht z.B. in Malgrate. Der junge Mann an der Promenade empfahl Abbadia Lariana, ein Stück den See hinauf. Wer flach am Hang dorthin wandern will, sollte vorher prüfen, ob der Weg offen ist. Er war es bei uns nicht. Die versteckten Buchten zwischen Strandbar-Betrieben sind oft die besseren Plätze und kostenlos.
Glockenturm San Nicolò: 396 Stufen, 96 Meter, Aussicht auf See und Berge. Öffnungszeiten vor Ort erfragen, sie wechseln saisonal.
Adressen:
Ristorante Aquario, Lecco · Gelateria Lumi, an der Promenade · Focacceria Ligure, Via Don Antonio Mascari 21 · Fruttorto (Il Fruttorto), Via Marco D’Oggiono 6, 23900 Lecco

FAQ – Lecco am Comer See
Lohnt sich Lecco, wenn man eigentlich nach Bellagio oder Como will?
Lecco ist die unaufgeregte Alternative: eine richtige Stadt mit Alltag, Bergen im Rücken und deutlich weniger Touristenandrang als der Westarm. Wer Villen und Bootskorsos sucht, fährt weiter. Wer den See ohne Inszenierung erleben will, bleibt.
Wie komme ich ohne Auto nach Lecco?
Mit der Bahn. Von Mailand Centrale fährt Trenord stündlich direkt in 40 bis 50 Minuten.
Kann man in Lecco baden?
Ja, an mehreren Stellen am Ufer und in Nachbarorten wie Abbadia Lariana. Manche Zugänge kosten Eintritt (oft an Strandbars), andere sind frei. Der See ist tief und stellenweise mit Strömung, also nicht zu weit hinausschwimmen.
Was hat Lecco mit Literatur zu tun?
Alessandro Manzoni hat seinen Roman *I Promessi Sposi* hier angesiedelt, das wichtigste Werk der modernen italienischen Literatur. Die Brücke Ponte Azzone Visconti und die umliegenden Dörfer kommen darin vor.
Ist Lecco teuer?
Nein, jedenfalls nicht im Vergleich zu Como. Eine Pizza mit Wein und Wasser für zwei kann unter 40 Euro bleiben. Eine Ferienwohnung mit Küche senkt die Kosten weiter.
Wann ist die beste Reisezeit?
Frühsommer und Frühherbst, warm genug zum Baden, ohne die ärgste Hitze und ohne Hochsaison-Gedränge.


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