Im Pott: Recklinghausen und das Ruhrgebiet

Liebe Freundin von Welt,

das Ruhrgebiet ist eines dieser Reiseziele, bei denen Menschen erst die Augenbrauen hochziehen und dann anfangen zu schwärmen. Meistens kommt das Schwärmen von denen, die schon mal da waren. Die Augenbrauen von denen, die meinen, da müsse man nicht hin.

Ich war zwei Tage bei einer Freundin in Recklinghausen, habe mir eine Ausstellung in einem ehemaligen Hochbunker angesehen, eine Currywurst zwischen Stahlträgern gegessen und die Ruhrfestpiele Recklinghausen besucht. Mein erstes Mal im Pott.

Hier kommt, was ich dort gesehen habe.

Deine Kirsten, Freundin von Welt

Recklinghausen

„Recklinghausen gehört zu den uninteressantesten Städten im Ruhrgebiet. Mir fallen keine Sehenswürdigkeiten ein.”

Das sagt P., die Freundin, bei der ich übernachte. Sie wohnt seit Jahren hier, und zwar sehr gerne. Diese beiden Sätze widersprechen sich nicht, sie ergänzen sich. Im Ruhrgebiet liebt man Orte nicht für ihre Sehenswürdigkeiten. Man liebt sie für etwas anderes, das schwerer zu benennen ist – vielleicht für die Tatsache, dass sie einen in Ruhe lassen.

Auf Nachfrage fallen P. dann doch Dinge ein. Die Dreiecksiedlung mit den typischen Bergarbeiterhäusern. Ein Stück Stadtmauer. Die Halde Hoheward mit der Drachenbrücke. Die Büdchen und Trinkhallen. „Aber mir fallen eigentlich nur grüne Orte ein”, sagt sie. Der Garten der Religionen. Die Radwege durchs Grüne.

Das ist die Liste einer Frau, die hier lebt. Keine Top-Ten-Aufzählung für Wochenendgäste. Sondern das, was eine Stadt im Alltag liebenswert macht: kurze Wege, Grün, ein paar Stellen, an denen man Bier oder Kaffee bekommt, ohne sich vorher entscheiden zu müssen, was man eigentlich repräsentieren möchte.

Halde Hoheward, mittags

Wir fahren kurz hin. Mehr als ein Blick wird es nicht – die Sonne steht hoch, das Licht ist gleißend.

Die Drachenbrücke, das Observatorium oben auf dem Plateau – das alles bleibt heute fern. Wir bleiben unten, vor einem verlassenen rostigen Fahrstuhl, der einst in die Erde führte.

Manchmal reicht ein kurzer Blick, um zu wissen, dass man wiederkommt. Vielleicht im Herbst, wenn das Licht milder ist und die Schritte nach oben weniger nach Strafe aussehen. Die Halde Hoheward ist Abraum, hundertfünfzig Meter über dem umliegenden Land aufgeschüttet. Was wir hier sehen, war einmal unter der Erde. Schwer vorstellbar – und gleichzeitig die Pointe des Ruhrgebiets: dass alles Sichtbare hier oben einmal etwas Unsichtbares dort unten war.

Dreiecksiedlung

Die Dreiecksiedlung ist heute denkmalgeschützt. Bergarbeiterhäuser, kleine Gärten. Dort wurde einst Gemüse zur Selbstversorgung angebaut, heute steht eine Palme neben einem Pool. 

Was hier einmal war: Schichtarbeit. P. erzählt, dass die Bewohner sich in den Anfangsjahren die Betten teilten. Einer schlief tags, einer nachts, je nach Schicht im Schacht. Das Bett also nicht als privater Ort, sondern als Inventar, das durchgehend im Einsatz blieb, wie Werkzeug oder ein Spind. Das war Bett noch warm, wenn der nächste sich hineinlegte.

Heute Pool und Palme. Dazwischen liegen drei, vier Generationen, in denen sich verändert hat, was ein Bett, ein Garten, ein Haus bedeutet. Die Häuser stehen noch. Die Schichten gibt es nicht mehr. Das macht Denkmalschutz übrigens: Er hält die Hülle und lässt das Innere in Ruhe weiterleben.

Kohle für Kunst, Kunst für Kohle

Eine Sache hat Recklinghausen aber, die nicht klein zu reden ist: die Ruhrfestspiele. Nicht zu verwechseln mit der Ruhrtriennale, die woanders stattfindet und etwas anderes ist. Die Ruhrfestspiele sind älter, und sie haben eine Gründungsgeschichte, die so direkt aus einem Nachkriegswinter kommt, dass man sie schwer erfinden könnte.

Winter 1946/47. Ein meteorologischer Jahrhundertwinter. Hamburg liegt weitgehend in Trümmern, die Theater können nicht heizen, nicht spielen. Hamburger Theaterleute reisen ins Ruhrgebiet, um Kohle zu organisieren. Auf der Zeche König Ludwig in Recklinghausen bekommen sie, was sie brauchen, von den Bergleuten. Kohle für Kunst.

Ein halbes Jahr später, im Sommer 1947, kommen die Hamburger Ensembles zurück nach Recklinghausen, um sich zu bedanken. Sie spielen für die Bergleute. Kunst für Kohle. Diese „Dankgastspiele” gelten als Gründungsmoment der Ruhrfestspiele. Die ersten offiziellen Festspiele fanden 1948 statt. Inzwischen sind sie ein internationales Theaterfestival.

2026 jährt sich der Kohletausch zum 80. Mal. Kein klassisches Jubiläum, sondern – so formuliert es das Festival selbst – ein Moment des Erinnerns daran, was Solidarität konkret heißen kann, wenn die Heizung aus ist. Mehr unter ruhrfestspiele.de/80-jahre-kohletausch.

Sunday Without Love: Ragnar Kjartansson im Bunker

Zu den Ruhrfestspielen gehört jedes Jahr eine Kunstausstellung in der Kunsthalle Recklinghausen. Die Kunsthalle ist ein ehemaliger Hochbunker. Tausend Quadratmeter Beton, drei Stockwerke, keine Fenster da, wo Fenster normalerweise wären. In diesem Bunker zeigt die Kunsthalle in diesem Jahr „Sunday Without Love” des isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson.

Die Kunstvermittlung folgt einer bestimmten Haltung: keine Schilder, keine Erklärungstexte an den Wänden. Die Arbeiten sollen wirken. Wer Fragen hat, kann an einer geführten Tour teilnehmen. 

In meiner Tour ist eine Dame in geblümter Hose, die das Format der Führung in erster Linie dazu nutzt, ihren Unmut zu sortieren. Erstes Thema: die siebenteilige Videoarbeit „Figures in Landscape”. Jede Arbeit 24 Stunden lang. Sieben mal 24 Stunden. „Wie soll man das denn ansehen?”, fragt sie empört. 

Ich behaupte, dass niemand verlangt, das komplett zu sehen. Auch der Künstler nicht. Das scheint die Dame eher noch mehr aufzuregen. Es gibt diese Empörung, die nicht weniger wird, wenn man ihr begegnet. Im Gegenteil.

Schwieriger wird es bei „S.S. Hangover”, einer großen Videoarbeit, die Kjartansson 2013 auf der Venedig-Biennale gemacht hat. Ein nordisches Fischerboot, besetzt mit einer Blaskapelle (Waldhörner), fährt durch die Hafenbecken des Arsenale. Von einem ins andere, dreht, fährt zurück. Das ist alles.

Ein Fischerboot mit Blaskapelle

Der Name S.S. Hangover, so erzählt der Guide, stamme aus einem Cocktailrezeptbuch, das Kjartansson in einer Comedysendung gesehen habe. Klar. Auf solche Namen kommt man sonst ja auch nicht.

Die Dame mit der geblümten Hose ist nicht versöhnt.

Weekdays in Arcadia

Etwas freundlicher wird sie vor den großen Gemälden „Weekdays in Arcadia”. Karge isländische Landschaften, in denen sehr kleine Menschen herumstehen. Man muss sie suchen. Man freut sich, wenn man eine entdeckt. Auf den Bildern sind reale Personen aus Kjartanssons Nachbarschaft. Er hatte in Island ein Grundstück gekauft – und damit die Verpflichtung, beim jährlichen Schafstrieb zu helfen. Auf den Bildern: die Nachbarn, die mit ihm die Schafe treiben.

Man steht nicht mehr vor einem Landschaftsgemälde, sondern vor einem Gruppenporträt von Leuten, die zusammen Arbeit erledigen.

Ohne Liebe leben lernen

Eine Treppe höher hört man Gesang. Die Arbeit „Sunday Without Love” bezieht sich auf den Song „Ohne Liebe leben lernen” von Rocko Schamoni, einem Hamburger Künstler. Kjartansson hat den Song ins Englische übersetzen lassen und ein tableau vivant inszeniert – ein lebendes Bild nach einer Postkarte, die er irgendwann gefunden hat. Menschen in Tracht, in Häubchen, sitzen und stehen im Grünen und singen.

Die Dame mit der geblümten Hose beschwert sich, dass das Playback sei. Sie könne keine Lippenbewegungen erkennen. Ich schaue auf die Leinwand und sehe sehr wohl Lippen, die sich bewegen. Außerdem ist das hier ein Video, kein Konzert. Aber das nur am Rande.

Acht Frauen, im Kreis, mit Gitarren

Im obersten Stockwerk. Acht Leinwände, kreisförmig um mich herum angeordnet. Auf jeder Leinwand: eine Frau, die Gitarre spielt. Sie spielen nicht besonders gut. Darum geht es auch nicht. Sie parodieren die Gesten von Männern, die Gitarre spielen. Das breitbeinige Stehen, das versunkene Niederblicken aufs Griffbrett, das Werfen des Kopfes im richtigen Moment. Alles da.

Ich stehe in der Mitte und drehe mich langsam. Es fühlt sich an wie in einem Kaleidoskop, in dem statt Glassplittern Gitarrenposen herumfliegen. Ich freue mich. Ich freue mich sehr.

Infos zur Ausstellung: Ragnar Kjartansson, „Sunday Without Love”. Kunsthalle Recklinghausen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen, 11–18 Uhr. Öffentliche Führungen sonntags um 12 Uhr. Finissage-Wochenende: 15. und 16. August.

Zwischen Recklinghausen und Essen: Wo bin ich gerade?

Am nächsten Tag fahren wir Richtung Zeche Zollverein in Essen. Das Ruhrgebiet macht es einem dabei nicht leicht mit der Orientierung. Ist das hier noch Recklinghausen? Schon Herne-Wanne? Oder Herne-Eickel? Früher hieß das Wanne-Eickel, aber das scheint nur noch auf dem Bahnhofsschild zu stehen. Dann ein Stück Wald. Dann sagt das Navi: Gelsenkirchen.

Gelsenkirchen hatte ich mir anders vorgestellt. Wir fahren an einem ziemlich repräsentativen Musiktheater vorbei. Nur im Vorbeifahren betrachtet, mehr war nicht drin. 

Zeche Zollverein: Die schönste Zeche der Welt

Hundert Hektar Gelände. Frei zugänglich, Tag und Nacht. Wer sich das Ruhrgebiet vorstellen will, wie es einmal war – und gleichzeitig sehen will, was aus solchen Orten werden kann, wenn man sie nicht abreißt – muss hierher.

Die Zeche Zollverein war zwischen 1847 und 1986 in Betrieb. 240 Millionen Tonnen Kohle wurden hier gefördert. Bis zu 8.000 Bergleute arbeiteten im Schichtwechsel. Die Schachtanlage XII, in Betrieb genommen 1932, galt von Anfang an als technisches und ästhetisches Meisterwerk, entworfen von den Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer in einer Klarheit, die heute noch verblüfft.

1986 schloss die Zeche Zollverein als letzte Zeche in Essen, der einst größten Bergbaustadt Europas. 2001 nahm die UNESCO den Komplex ins Welterbe auf.

Mit der orangen Rolltreppe nach oben

Wir fahren mit der berühmten orangefarbenen Rolltreppe hoch zur Kohlenwäscherei. Eigentlich wollten wir zur Kokerei. Wir verlaufen uns, gehen mehr oder weniger querfeldein über das Gelände und finden die Kokerei dann doch, sechshundert Meter lang, ein Bau, an dem man entlanggeht wie an einer Hafenkante.

Im Café dort gibt es Manta-Platte mit vegetarischer Currywurst und Pommes rot-weiß. Die Manta-Platte ist eine Ruhrgebietsklassikerin, benannt nach einem Auto, das einmal in Filmen die Hauptrolle spielte und von Opel im Ruhrgebiet gebaut wurde. Wir sitzen im Schatten zwischen den Stahlbauten, vor uns das lange Wasserbecken, das im Winter eine Eisbahn ist.

Dieselkatze und andere Geräte

Auf dem Weg zurück stoßen wir auf seltsame Gerätschaften mit noch seltsameren Namen. Eine davon, glaube ich, heißt Dieselkatze. Vielleicht habe ich es mir auch falsch gemerkt. Sie stehen im Park wie Skulpturen, sind aber Werkzeuge, die hier einmal etwas Konkretes getan haben.

Das ist das Besondere an Zollverein: dass die Bauten und Maschinen so kurze Zeit benutzt wurden, gemessen an ihrer Größe. Die Kokerei lief von 1961 bis 1993. Zweiunddreißig Jahre. Dafür diese Wucht. Ich gehe daran entlang und denke: In welcher Zeit leben wir eigentlich? Das hier sind Kathedralen einer Epoche, die so vollständig vorbei ist, dass das Wort „vorbei” sich kleiner anhört, als sie es verdient hat.

Infos zur Zeche Zollverein: Das Gelände ist frei zugänglich. Zum Welterbe gehören die Zeche mit den Schachtanlagen XII und 1/2/8 sowie die Kokerei. Geführte Touren über zollverein.de. Plant einen halben bis ganzen Tag ein.

Was bleibt

Zwei Tage Ruhrgebiet. Eine Stadt, von der ihre Bewohnerin sagt, sie sei uninteressant – und die trotzdem ein internationales Theaterfestival trägt, das aus einem Akt der Solidarität entstanden ist. Eine Ausstellung in einem Bunker, in der eine Dame in geblühmter Hose sich darüber empört, dass sie Kunst nicht innerhalb einer Stunde komplett konsumieren kann. Eine Zeche, die so groß ist, dass man sich darin verläuft und auf eine Manta-Platte mit Currywurst stößt.

Was an dieser Ecke Deutschland gefällt: dass sie nichts vorgibt. Recklinghausen verkauft sich nicht. Die Zeche Zollverein hat keinen Glanzlack drauf. Die Currywurst kommt mit Pommes rot-weiß, nicht mit Microgreens. Es ist eine Region, die nicht den Eindruck erweckt, sie müsse jemanden überzeugen.

Vielleicht ist das die eigentliche Sehenswürdigkeit.

FAQ: Recklinghausen, Zollverein und das Ruhrgebiet im Mai

Lohnt sich ein Wochenende in Recklinghausen?

Ja, besonders während der Ruhrfestspiele (Mai bis Juni) und der parallelen Kunstausstellung in der Kunsthalle. Außerhalb der Festspielzeit ist die Stadt ruhiger und eignet sich als Ausgangspunkt für Touren zur Halde Hoheward, zur Zeche Zollern in Dortmund oder eben zur Zeche Zollverein.

Was sind die Ruhrfestspiele?

Ein internationales Theaterfestival in Recklinghausen, gegründet 1948. Ursprung war der „Kohletausch” von 1946/47: Bergleute aus Recklinghausen lieferten Kohle nach Hamburg, damit die zerstörten Theater dort wieder heizen konnten. Im Sommer 1947 bedankten sich die Hamburger Ensembles mit Gastspielen vor den Bergleuten. 2026 jährt sich dieser Moment zum 80. Mal.

Nicht zu verwechseln mit?

Der Ruhrtriennale. Die ist ein eigenes Festival mit Schwerpunkt auf zeitgenössischem Musiktheater, findet im Spätsommer statt und bespielt andere Orte – unter anderem die Jahrhunderthalle Bochum und Spielstätten in Duisburg und Essen.

Wie kommt man zur Zeche Zollverein?

Mit der Bahn bis Essen Hauptbahnhof, dann mit der Straßenbahn Linie 107 Richtung Gelsenkirchen bis zur Haltestelle „Zollverein”. Mit dem Auto über die A40 oder A42. Parken auf dem Gelände, ausgeschildert. Eintritt aufs Gelände frei, Eintritte für einzelne Museen und Touren.

Wie viel Zeit braucht man für die Zeche Zollverein?

Mindestens einen halben Tag, eher einen ganzen. Das Gelände ist groß, die Wege länger, als man denkt. Wer das Ruhr Museum und das Red Dot Design Museum mitnehmen möchte, sollte einen vollen Tag einplanen. Tipp: Festes Schuhwerk, Wasser einpacken.

Kann man auf der Zeche Zollverein essen?

Ja, mehrere Optionen. Das Café im Kokerei-Bereich ist unprätentiös und gut für eine schnelle Manta-Platte. Im Schacht XII gibt es das Restaurant „Casino Zollverein”, deutlich gehobener.

Wann ist Ragnar Kjartanssons „Sunday Without Love” zu sehen?

Bis zum Finissage-Wochenende am 15. und 16. August in der Kunsthalle Recklinghausen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen, 11–18 Uhr. Sonntags um 12 Uhr öffentliche Führungen.

Wer ist Ragnar Kjartansson?

Isländischer Künstler, geboren 1976 in Reykjavík. International bekannt durch Performances und Videoarbeiten, die mit Wiederholung, Dauer und Musik arbeiten. Vertrat Island 2009 bei der Biennale Venedig. Eine seiner bekanntesten Arbeiten ist „The Visitors” von 2012, ein neunteiliges Videowerk mit Musikerinnen und Musikern in den Räumen eines Landhauses im Bundesstaat New York.

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Ein Kommentar zu „Im Pott: Recklinghausen und das Ruhrgebiet“

  1. Avatar von Doris Schober
    Doris Schober

    Wieder einmal toll geschrieben, liebe Kirsten! Das Ruhrgebiet ist genau das, was du beschreibst: Ehrlich, überraschend, beeindruckend, ein kulturelles und industrielles Monument. Und wunderbar grün. Danke!

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