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Schnucki, wo bist du? Zwei Tage wandern auf dem Heidschnuckenweg in der Nordheide

Liebe Freundin von Welt,

in der Nordheide wirst du begrüßt, bevor du irgendetwas siehst: Möööh, tönt es hinter den Kiefern, und dann zeigt sich – nichts. Die Heidschnucken sind die Diven dieser Landschaft, man hört sie, aber sie lassen sich nicht blicken.

Ich bin ihnen zwei Tage auf dem Heidschnuckenweg hinterhergewandert, von Handeloh über Undeloh bis Wilsede: durch Sand, der sich anfühlt wie Strand ohne Meer, auf einen Gipfel von stolzen 169 Metern und am Ende zu einem Schäfer, der in 42 Dienstjahren sieben Tage krank war.

Unterwegs habe ich gelernt, dass diese Landschaft, die heute alle lieben, jahrhundertelang als Ödnis verschrieen war.

Wie es dazu kam, welche Torte den Andrang wert ist und wann du am besten hinfährst, liest du hier.

Deine Kirsten, Freundin von Welt

Inhaltsverzeichnis

Die Hauptdarstellerinnen der Heide

Zuerst höre ich sie nur. Möööh. Ein tiefes, kehliges Blöken, irgendwo hinter der nächsten Kiefernreihe, und ich bleibe stehen wie eine Frau, die ihren Namen gehört hat. Vor mir liegt eine weite Heidefläche, zaghaft lila angehaucht, denn es ist Juli und die Blüte übt noch.

Von den Heidschnucken, die hier blöken, ist keine zu sehen. Sie machen das öfter, werde ich in den nächsten Tagen lernen: da sein, ohne sich zu zeigen. Die Hauptdarstellerinnen der Heide, unsichtbar.

Der Heidschnuckenweg beginnt direkt am Bahnhof Handeloh, was ich für eine große Höflichkeit halte. 223 Kilometer sind es insgesamt, von Hamburg nach Celle, 13 Etappen, höchster Punkt 169 Meter. Ich gehe davon in zwei Tagen nur das Herzstück der Nordheide: von Handeloh nach Undeloh und weiter Richtung Wilsede.

Die stillere Südheide um Müden an der Örtze ist eine eigene Reise und bekommt einen eigenen Text.

Heute also: durch Auwald und über die schmale Seeve, über einen Bohlenweg, dann durch Wesel, ein Dorf mit mächtigen Eichen und noch mächtigeren Rhododendren.

Beim Picknick auf dem Dorfplatz fährt der Heide-Shuttle vorbei, ein kostenloser Bus, und ich empfinde die stille Genugtuung der Fußgängerin, die nicht einsteigt.

Dann der Sand. Durch diesen tiefen, hellen Sand zu gehen fühlt sich an wie Strand, nur ohne Wasser und ohne Muscheln, und nach zwei Kilometern auch ohne die Leichtigkeit, die man am Strand hat.

Die Pastorenteiche, benannt nach Pastor Bode, liegen spiegelglatt im Wald und reflektieren die Bäume. Kiefernforst mit strammstehenden Stämmen auf der einen Seite, Buchenwald mit weichem Licht auf der anderen.

Am Wegrand stehen leere Bienenkorb-Unterstände und warten auf die Völker, die erst zur Blüte einziehen. Alles hier scheint auf etwas zu warten. Ich auch, ich warte auf die erste Schnucke.

Bienenkorb-Unterstand

Das große Missverständnis: Die Heide ist gar keine Naturlandschaft

In Undeloh markiert ein Findling den Ortseingang, auf Plattdeutsch heißt der Ort Unnel. Ich checke im Hotel Heiderose ein, Zimmer 29, Möbel mit Bauernmalerei. Der Sessel ist sehr bequem, sobald man den kurzen Schock des freien Falls beim Hinsetzen überstanden hat. Im Kaffeegarten ist kein Tisch frei, die Buchweizentorte ist den Andrang wert.

Beim Frühstück am nächsten Morgen sitzt am Nachbartisch ein Paar, beide um die sechzig, und führt ein Fachgespräch. Es gibt in Deutschland 600 Produktköniginnen, sagt sie, und zählt auf: Pellkartoffelkönigin, Krautkönigin, Heidekönigin. Bei uns zuhause gibt es einen Rapskönig, sagt er, da hat sich wohl keine Frau drauf beworben. Ich rühre in meinem Tee, zücke unauffällig mein Notizbuch und notiere amüsiert diesen Dialogfetzen.

Kirche in Undeloh

Im Heide-Erlebniszentrum in Undeloh treffe ich den Naturführer Detlef Grimm. Drei Etagen Heidewissen, im Keller die Eiszeit.

Und hier erfahre ich auch von dem großen Missverständnis: Fast die Hälfte aller Heidebesucher glaubt, Urlaub in einer Naturlandschaft zu machen, so Grimm.

Wanderführer Detelf Grimm
Natur- und Wanderführer Detlef Grimm

Die Heide ist aber von Menschen gemacht, seit der Jungsteinzeit. Gerodet für den Acker, den Boden ausgelaugt, weitergerodet, das Vieh fraß den Jungwald weg. Um 1800 reichte die offene Steppe von Hamburg bis Celle. „Die Heide hat ihren Wald nicht verloren, weil das Holz in den Lüneburger Salinen verbrannt wurde. So habe ich es als Kind noch gelernt, aber das ist Quatsch“, sagt Grimm. „Es wäre viel zu aufwändig gewesen, die Stämme nach Lüneburg zu transportieren.“

Sandwüste oder Elfenweg: eine Frage der Perspektive

Schön fand das damals übrigens niemand. Die Reiseberichte des 18. Jahrhunderts lesen sich wie Bewertungen eines sehr schlecht gelaufenen Urlaubs: eine „ungeheure Sandwüste“, ein „gräulicher Anblick“, meilenweit kein Baum, der Pädagoge Joachim Heinrich Campe hielt die Strecke zwischen Harburg und Celle für einen der unangenehmsten Erdflecke Deutschlands.

Dann kam 1831 Hans Christian Andersen durch, unter dem Einfluss der Romantik, und sah in denselben Sandkörnern „blitzende Granitstücke“ und Elfenwege: „Ich blickte hinaus auf die große Lüneburger Heide, die als häßlich so verschrieen ist. Herr Gott, wie die Leute doch reden! Jedes Sandkorn war ein blitzendes Granitstück; die langen Grashalme, die voll von Staub über den Weg hingen, waren die niedlichsten Wege für die kleinen Elfen. Die ganze große Heide war eine Zauberwelt, voll von Wunderwerken. Jeder Staubfaden hatte seine verschiedene Farbe und eigentümliche Zusammensetzung, und welche Unendlichkeit in dem großen Himmel darüber!“

Naturführer Detlef Grimm auf dem Heidschnuckenweg in der Lüneburger Heide
Natur- und Wanderführer Detlef Grimm

Der Pastor, der aussah wie Bud Spencer

Als die Heidebauern im 19. Jahrhundert verarmten, weil Kolonialwaren ihre Produkte verdrängten, versuchte Pastor Wilhelm Bode aus Egestorf sie zu halten. Er gründete eine der ersten Raiffeisenkassen der Provinz Hannover, initiierte ein genossenschaftliches Krankenhaus im Nachbarort Salzhausen und eine zentrale Wasserversorgung, warb für den Bahnanschluss und organisierte in Wilsede den Bau des Gasthauses zum Heidemuseum.

Ausgerechnet dieses Gasthaus wurde ihm zum Verhängnis: 1923 entließ ihn das Konsistorium wegen angeblicher Pflichtverletzung, man warf ihm ein Verhältnis mit der jungen Wirtin vor. Ob an den Vorwürfen etwas dran war oder ob Bodenspekulanten sie gestreut hatten, denen Bodes Naturschutz im Weg stand, ist bis heute ungeklärt. Auf einem Foto sieht Pastor Bode aus wie Bud Spencer. Ich sage das mit Hochachtung.

Pastor Bode (nicht Bud Spencer)

Gemäht, geplaggt, gehütet

Heute wird die Heide gepflegt wie ein Denkmal: gemäht, geplaggt, kontrolliert gebrannt, vor allem aber beweidet. Ohne diese Eingriffe wäre die Fläche in wenigen Jahren wieder Wald.

Das Mahdgut geht an Dachdecker für Reetfirste, in Biofilter für Ställe, und ein Teil geht an den Tierpark Hagenbeck, als Nistmaterial für Pelikane. Irgendwo in Hamburg brütet also ein Pelikan auf dem Stoff, aus dem hier die Sehnsucht ist.

Blühende Besenheide

Ein Käfer mit Arbeitsmoral

Vom Erlebniszentrum aus gehe ich mit Grimm ein Stück auf der Heideschleife Radenbachtal, das ist eine von zwölf Heideschleifen.

Auf dem Weg müht sich ein Waldmistkäfer. Er könne locker das 160-Fache seines Gewichts wegrollen, sagt Grimm, das wäre ein Pferdeapfel. Praktisch, denn hier fahren die Kutschen nach Wilsede vorbei. Ich schaue dem Käfer eine Weile zu. Er wirkt wie jemand, der seine Berufswahl nicht bereut, und ich bin nicht sicher, ob ich das von mir an jedem Arbeitstag behaupten kann.

Kutsche mit zwei Pferden bei Wilsede

In die Heideflächen hingetupft stehen Wacholder, manche 250 Jahre alt. „Das sind richtige Baumpersönlichkeiten“, sagt Grimm. Ihre stacheligen Nadeln halten jedes Maul fern, und in ihrem Schutz wächst manchmal ein junger Laubbaum heran, dessen Samen ein Vogel dort fallen ließ. Ammenbaum heißt der Wacholder deshalb. Die meisten Heidevögel sind Bodenbrüter, die Lerche steigt senkrecht über uns auf.

Der Gipfel der Tiefebene

Dann der Wilseder Berg, mit 169 Metern die höchste Erhebung der nordwestdeutschen Tiefebene. Ich schreibe den Satz und höre selbst, wie er klingt, aber der Blick von oben ist tatsächlich weit: An klaren Tagen reicht er bis Hamburg.

Auf dem Gipfel steht eine Buche, ein Stühbusch, wie Grimm erklärt, einst immer wieder zurückgeschnitten und neu ausgetrieben. Auch das lernt man hier: Was in dieser Landschaft steht, hat fast immer schon einmal aufgegeben und es sich dann anders überlegt.

Stühbusch auf dem Wilseder Berg
Stühbusch auf dem Wilseder Berg

Und dann ziehen sie ins Bild: Die Heidschnucken. Genüsslich knabbern, nein, schnökern sie sich voran, die Köpfe meist tief im Heidekraut. Ein beruhigender Anblick.

Blick vom Wilseder Berg auf eine Heder Heidschnucken
Blick vom Wilseder Berg: Da sind die Schnucken!

Ins Fettnäpfchen, aber wörtlich

Wilsede selbst ist autofrei, keine Straßenbeleuchtung, die Kutschen parken nicht weit entfernt von der Milchhalle. Im Heidemuseum Dat ole Huus, das zeigt, wie die Heidebauern um 1850 lebten, erklärt Museumsführer Rüdiger Maack die kurzen Alkoven: Geschlafen wurde im Sitzen, „damit man besser abhusten konnte“, die Stuben waren voller Rauch.

Unter den Deckenbalken hingen Würste zum Räuchern, darunter standen Schalen für das abtropfende Fett. Wer hineintrat, trat ins Fettnäpfchen, so erzählt es Maack, und ich stehe kurz still vor der Erkenntnis, dass ich mein halbes Leben mit einer Redewendung verbracht habe, ohne zu wissen, wo sie herkommt.

Heidemuseum Dat ole Hus in Wilsede
Heidemuseum „Dat ole Hus“ in Wilsede

In der Milchhalle gibt es danach Heidschnuckenbratwurst und Buchweizen-Schmandschnitte, beides schmeckt nach mehr, als der Selbstbedienungstresen verspricht.

Schmand-Buchweizen-Kuchen in der Milchhale in Wilsede
Buchweizen-Schmandschnitte im Garten der Milchhalle in Wilsede

Karriere eines Talkessels

Der Totengrund, ein Talkessel gleich hinter Wilsede, bekam seinen Namen vermutlich, weil das Gelände für die Landwirtschaft tot war, nicht nutzbar, wertlos. Ausgerechnet ihn kaufte Pastor Bode 1905 mit gespendetem Geld, es war der Grundstock des späteren Naturschutzgebiets.

Heute stehen die Fotografen zur Blüte hier Schlange. „Es ist eigentlich ein Ort voller Leben“, sagt Grimm. „Man muss nur genau hinsehen.“ Die Karriere dieses Tals ist die Geschichte der ganzen Heide in einem Satz: Was keiner wollte, wurde das Ziel.

800 Schnucken, 56 Ziegen, zwei Hunde, ein Mann

In Oberhaverbeck treffe ich schließlich den, auf den ich seit dem ersten Blöken warte: einen Schäfer. Uwe Storm, 62, seit 42 Jahren im Dienst, „aber gehütet habe ich schon mit sieben“. Um ihn herum gut 800 Heidschnucken und 56 Ziegen. Die Ziegen fressen Birken und Kiefern herunter, und die Schnucken schauen es sich ab, die Ziegen sind sozusagen das Lehrpersonal der Herde.

Die Schnucken selbst kommen wie kaum eine andere Rasse mit dem holzigen Heidekraut als Hauptnahrung aus. Sie verbeißen die grünen Triebe, die Heide verzweigt sich und blüht reicher. Die Landschaft, die ich seit zwei Tagen bewundere, ist genau genommen ihr Speiseplan.

Heischnucke
Hallo Schnucki!

Abends kommen die Tiere in den Stall, auch wegen der Wölfe, die es hier wieder gibt. Storm redet darüber ohne Drama, wie über Wetter, das man einkalkuliert. In 42 Jahren war er sieben Tage krank. „Man muss rausgehen, das hält gesund.“ Und was macht er am Wochenende? „Freitags abends schalte ich die Schnucken ab und mache sie montags wieder an“, sagt er trocken, und man hört, dass dieser Witz schon viele Wanderer versorgt hat. „Wenn du da nicht mit Liebe rangehst, brauchst du den Job gar nicht zu machen.“

Hinter Oberhaverbeck läuft der Weg weiter nach Süden, irgendwann in die Südheide, wo es noch leerer werden soll. Ich hebe sie mir auf.

Detlef Grimm hat mir zum Abschied noch seinen Reisezeit-Tipp gegeben: Anfang Oktober. Dann sind die Farben noch da, die Hitze ist weg und die Busse sind es auch. Dann liegt morgens Tau auf den Spinnweben, und man ist allein in einer Landschaft, die es ohne Äxte und Heidschnucken nicht geben würde. Möööh, sagt es hinter mir. Ich drehe mich um. Natürlich ist da nichts.

Schäfer mit zwei Hunden in der Lüneburger Heide
Der Schäfer und seine Hunde

Praktisch: Wandern auf dem Heidschnuckenweg in der Nordheide

Meine Strecke: Handeloh–Undeloh–Wilsede-Overhaverbeck

Anreise: Mit der Bahn bis Handeloh (über Buchholz in der Nordheide, dort umsteigen in die Heidebahn (erixx) Richtung Soltau). Der Heidschnuckenweg startet direkt am Bahnhof. Auch Hamburg-Fischbek (Startpunkt) und Celle (Endpunkt) sind per Bahn angebunden.

Vor Ort: Der kostenlose Heide-Shuttle fährt in der Saison 2026 vom 3. Juli bis 3. Oktober täglich, sechs Ringlinien, rund 100 Haltestellen, Fahrradanhänger inklusive. heide-shuttle.de

Wandern: Der ganze Heidschnuckenweg misst 223 km in 13 Etappen, flach bis sanft hügelig; dieser Text beschreibt nur den nördlichen Abschnitt, weiter südlich führt die Route durch die Südheide bis Celle. Wer nicht von A nach B gehen will: zwölf Heideschleifen als Rundwege, darunter die Heideschleife Radenbachtal (20,6 km) über Wilseder Berg und Totengrund. Der tiefe Sand kostet manchmal mehr Kraft als das Höhenprofil vermuten lässt.

Übernachten: Hotel Heiderose, Undeloh. Familiär geführt, Landhausstil, großer Kaffeegarten, die Kutschen nach Wilsede fahren nebenan ab. DZ ab ca. 139 € inkl. Frühstück. hotel-heiderose.de

Essen: Milchhalle Wilsede, ganzjährig geöffnet, im Winter eingeschränkt, Selbstbedienung: Heidschnuckenbratwurst, Erbsensuppe, Buchweizen-Schmandschnitte. verein-naturschutzpark.de

Sehen: Heide-Erlebniszentrum Undeloh (Eintritt frei, in der Saison Mittwoch bis Sonntag, im Winter nur am Wochenende), Heidemuseum Dat ole Huus in Wilsede, Totengrund.

Beste Zeit: Heideblüte nach der örtlichen Faustregel vom 8. August bis 9. September, zuletzt oft schon ab Ende Juli — dann ist es am vollsten und am violettesten. Das Heideblütenbarometer gibt Auskunft über den aktuellen Stand.
Ruhiger und nach Kenner-Meinung schöner: Anfang bis Mitte Oktober.

Info und Etappenkarten: heidschnuckenweg.de

Alles über die Lünebuger Heide: lueneburger-heide.de

Heischnuckenweg wandern: Heidekraut am Wegrand

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