Liebe Freundinnen von Welt,
es gibt Städte, die empfangen einen wie eine gute Gastgeberin: unangestrengt, freundlich, ohne viel Aufhebens. Nîmes ist so eine Stadt. Wer mit dem Zug ankommt, tritt durch dicke Gemäuer ins Freie und steht auf einer schnurgeraden Allee, die allein den Fußgängerinnen gehört. Bänke säumen sie, ein Springbrunnen wartet am Ende, und der Gesamteindruck ist der eines Staatsempfangs.
Was viele vielleicht nicht wissen, während sie hier entlangspazieren: Ihr Name steckt in ihrer Hose. Denim kommt von de Nîmes – jener strapazierfähige Baumwollstoff, der hier im 18. Jahrhundert produziert wurde, irgendwann die Atlantikroute nach Amerika nahm und Weltkarriere machte.
Eure Kirsten, Freundin von Welt

Die Arènes: 2000 Jahre und noch immer in Betrieb
Die Arena von Nîmes, Ende des 1. Jahrhunderts gebaut, 133 mal 101 Meter groß, Platz für 24.000 Zuschauer, gehört zu den am besten erhaltenen Amphitheatern der römischen Welt. Fassade, Arkaden, Galerien, Untergeschoss: alles noch da. Das Kolosseum in Rom ist größer und berühmter. Aber in Nîmes ist die Fassade vollständiger.

Vor dem Eingang steht ein Stierkämpfer aus Bronze, entspannt, mit Umhang, als warte er auf seinen Auftritt. Der ist gar nicht so weit weg: Zu Pfingsten feiert Nîmes die Féria, und die Arena füllt sich. Nicht mit Gladiatoren, aber mit Stierkämpfern und Menschen, die das sehen wollen. Oder auch nicht. Darüber lässt sich streiten, und in Nîmes tut man das auch.

Für den Rest des Jahres: Konzerte, Veranstaltungen. Gerade wird für einen Triathlon aufgebaut, im Sommer spielen The Cure an drei Tagen hintereinander, schon alles ausverkauft.
Maison Carrée: Picknick vor dem Tempel
Ein Stück weiter, eine Alleen entlang, der steht das Maison Carrée. Es ist der einzige vollständig erhaltene Tempel der Antike – 26 Meter lang, 15 Meter breit, 17 Meter hoch, erbaut im Jahr 5 nach Christus, seit 2023 UNESCO-Welterbe. Säulen in Korinthischer Ordnung, makellos. Kaum zu glauben, dass er zwischendurch als Pferdestall diente.
Wir machen Picknick daneben. Couscous aus dem Supermarkt, auf einer Bank in der Abendsonne. Zwischen den Säulen des Tempels sitzen zwei Damen, die anscheinend sehr entspannt im Umgang mit antikem Kulturgut sind. Ist das Fastfood, was sie da essen?

Den Platz davor hat Norman Foster 1993 neu gestaltet, Autos verbannt, Cafétische aufgestellt. Heute ist er das soziale Zentrum der Altstadt. Abends kommt Leben rein.
Carré d’Art: Norman Foster antwortet dem Tempel
Direkt gegenüber des Maison Carrée steht Fosters eigenes Werk: das Carré d’Art, 1993 eröffnet, neun Stockwerke, davon vier unterirdisch. Das Gebäude hält sich zurück, niedrige Trauflinie, viel Glas, ein Atrium mit kaskadenförmiger Treppe, und stellt sich damit bewusst in den Dienst des Platzes, nicht in Konkurrenz zum Tempel.
Drinnen: Stadtbibliothek in den unteren Etagen, zeitgenössisches Kunstmuseum oben. Die aktuelle Ausstellung von Tursic & Mille läuft bis Oktober 2026 und lohnt sich. Eine Entdeckung für mich war außerdem die Künstlerin Lena Vandrey (1941–2018), die ich bis dahin nicht kannte.

Wer kein Museumsticket kaufen möchte: Die Dachterrasse mit Café ist kostenlos zugänglich und bietet den vielleicht besten Blick auf die Maison Carrée, den man für den Preis eines Kaffees bekommen kann.

Brandade de Nîmes: Stockfisch in cremig
Nîmes hat eine Spezialität: Brandade de Nîmes ist eine Creme aus Stockfisch und Milch, im 19. Jahrhundert von Küchenchef Charles Durand in die heutige Form gebracht, seitdem fester Bestandteil jedes ernstzunehmenden Nîmoiser Haushalts.
Die beste, so hatte man mir versichert, gibt es in der Maison Brandades. Ich probiere mich durch drei Sorten: 32 Prozent Stockfisch mit Milch (die traditionelle Variante), etwa 50 Prozent Stockfisch, und eine ohne Milch. Der Unterschied ist erheblich. Ich entscheide mich für die traditionelle – cremiger, runder, weniger streng. Dazu ein Baguette vom Baguettesieger 2023, großporig und knusprig. Das ist kein schlechtes Mittagessen.
Der ehemalige französische Präsident Gaston Doumergue soll gesagt haben, wer Brandade esse, höre die Zikaden in den Pinienbäumen der Tour Magne. Das ist leicht übertrieben.

Streetart: Gambetta, Richelieu und ein Künstler aus Madagaskar
Die Viertel Gambetta und Richelieu haben einen Beinamen: Petit Berlin. Das klingt größer, als es ist. Doch die Streetart ist einen Spaziergang wert. 31 neue Murals allein aus dem Jahr 2025, dazu ältere Werke, die sich über Hausfassaden, Brandwände und Garagentore verteilen. Eine Karte gibt es kostenlos bei Le Spot, einem Kulturcafé im Gambetta-Viertel, das nebenbei auch Mikrobrauerei, Skateshop und Ausstellungsraum ist.
Wer die Karte in der Hand hat und die Augen aufmacht, findet mehr als erwartet. Wir stolpern im Viertel zufällig in eine kleine Ausstellung in einer ehemaligen Bäckerei: drei Tage, Miniaturen, ein Künstler aus Madagaskar auf einem restaurierten Peugeot-Faltrad. Das ist eine Geschichte für sich und hat einen eigenen Beitrag bekommen. [→ Link: Johann Aubin]


Jardins de la Fontaine: die Wiege der Stadt
Nördlich der Altstadt, dort wo die Kelten ihre Gottheit Nemausus verehrten und die Römer später ein Heiligtum bauten, liegen die Jardins de la Fontaine. Ludwig XV. ließ den Park im 18. Jahrhundert anlegen. Einer der ersten öffentlichen Gärten Frankreichs, mit Balustraden, Marmorvasen, Aleppo-Kiefern und dem Blick auf die Tour Magne.
Im unteren Teil ist es gepflegt und belebt. Im oberen, wo die Vegetation wilder wird, ist es stiller. Den Tempel der Diana kann man kostenlos besichtigen. Ob es wirklich ein Tempel war oder doch eine Bibliothek, ist bis heute nicht geklärt. Nîmes lässt diese Frage offen.

Abends: Mezze und Meisterschaft
Das libanesische Restaurant Les Cités de Phénicie hat uns nicht enttäuscht: freundlich, gute Mezze, angemessene Preise für eine Stadt, die weiß, dass sie Touristen anzieht.
Danach: Paris gewinnt das Champions-League-Finale gegen London, und um die Maison Carrée bricht Freude aus. Kein schlechter Abschluss für einen ersten Tag in einer Stadt, die 2000 Jahre Spektakel gewohnt ist.


Das Krokodil an der Kette
Nîmes hat ein Wappentier, das nicht ganz hierhergehört: ein Krokodil, an eine Palme gekettet. Die Geschichte dahinter ist eine kleine Lektion in römischer Selbstdarstellung. Im Jahr 31 vor Christus besiegte Octavius die Flotte von Antonius und Kleopatra – und ließ zur Feier des Sieges über Ägypten in Nîmes eine Münze prägen. Rückseite: Palme, Krokodil, Kette. Symbol für das bezwungene Nil-Land. Das angekettete Reptil blieb.
Heute begegnet man ihm überall: auf Schildern, auf Messingknöpfen im Altstadtpflaster, auf Gullydeckeln. Philippe Starck hat das Wappen 1986 neu gestaltet, moderner, kantiger. Aber das Krokodil ist geblieben.

FAQ – Tipps für Nîmes
Ist Nîmes einen Tagesausflug wert oder sollte man länger bleiben?
Mindestens zwei Tage. Wer nur die drei großen Römer-Monumente abhaken will, schafft das in einem Tag. Wer die Stadt verstehen will – Streetart, Märkte, Brandade, Abendstimmung am Place de la Maison Carrée – braucht mehr Zeit.
Was ist die Brandade de Nîmes, und muss ich sie probieren?
Eine Creme aus Stockfisch und Milch. Ja, probieren. Am besten in der Maison de la Brandade, dort gibt es verschiedene Varianten, und man kann vor dem Kauf kosten.
Was bedeutet das Krokodil im Stadtwappen?
Es symbolisiert das besiegte Ägypten: Nach dem Sieg von Octavius über Antonius und Kleopatra (31 v. Chr.) wurde in Nîmes eine Gedenkmünze geprägt – Rückseite: Krokodil an der Kette, Palme. Das Bild blieb. Heute findet man es auf Pflasterknöpfen, Gullydeckeln und im Rathaus-Treppenhaus (dort als vier ausgestopfte Exemplare von der Decke hängend).
Was hat Nîmes mit Jeans zu tun?
Der Begriff Denim leitet sich von de Nîmes ab, ein strapazierfähiges Baumwollgewebe, das hier im 18. Jahrhundert produziert wurde. Levi Strauss kaufte den Stoff später in Amerika, vernietet ihn, und der Rest ist Modegeschichte.
Lohnt sich das Carré d’Art, wenn man nicht extra für Kunst reist?
Ja – allein wegen der Architektur und der Dachterrasse. Der Blick auf die Maison Carrée von oben, ein Kaffee, kein Eintritt: Das ist eines der besseren Preis-Erlebnis-Verhältnisse der Stadt.
Was ist mit dem Streetart-Viertel – liegt das weit vom Zentrum?
Gambetta und Richelieu sind fußläufig, etwa 15 Minuten von der Maison Carrée. Le Spot gibt die kostenlose Karte mit allen Murals – ohne die läuft man an der Hälfte vorbei.
Wann sollte man Nîmes meiden?
Zu Pfingsten (Féria): Die Stadt füllt sich, die Stimmung ist laut, die Preise steigen. Wer Stierkämpfe und Menschenmassen sucht – genau richtig. Alle anderen: anderer Termin.


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