Liebe Freundinnen von Welt,
Biarritz fängt schlecht an. Der Bahnhof liegt, als hätte ihn jemand absichtlich weit weg vom Meer gebaut: drei Kilometer vom Zentrum entfernt, der Fußweg führt an Tankstellenausfahrten vorbei, Kirschlorbeer und Thuja überwuchern die Gehwege, und bei einer Einfahrt fährt mir fast ein Porsche über die Füße. Willkommen im baskischen Seebad.
Der schöne alte Jugendstilbahnhof in der Innenstadt ist längst kein Bahnhof mehr, sondern ein Theater. Gerade läuft eine Ballettaufführung. Wir sind zu spät.
Die Unterkunft hat eine Terrasse mit Meerblick – Parkplatz mit Autos inklusive, den muss man einfach ausblenden. Superhost Boris ist nett. Die Wohnung ist winzig. Und dann: das Meer. Es spritzt und tost sehr dekorativ. Es frisst den Strand. Alles andere ist erst mal zweitrangig.
Eure Kirsten, Freundin von Welt
Biarritz: Das Meer
Über das Meer muss ich nicht viel sagen. Es erledigt das selbst.
Es donnert gegen die Felsen, zieht sich zurück mit diesem eigentümlichen Knistern, wenn die Wellen den kiesig-sandigen Strand hinunterrollen, und fängt von vorne an. Die Gischt steht weiß in der Luft. Die Steilküste bricht das Licht anders als eine flache Küste, härter, kantiger, mit mehr Kontrast. Das ist kein Meer, das gemächlich kommt und geht. Das ist der Atlantik. Er meint es ernst.
Theodor Fontane schrieb 1870 in einem Brief an seine Frau: „Das herrlichste Meer, das ich gesehen, ist die Bucht von Biarritz.” Bismarck war ähnlich überwältigt. Als ich es sehe, verstehe ich sofort, was Fontane gemeint hat.
Das herrlichste Meer, das ich gesehen, ist die Bucht von Biarritz.
Theodor Fontane

Geschichte: Seebad und Surfer-Mekka
Biarritz wäre ohne eine Frau mit schwacher Lunge vermutlich ein Fischerdorf geblieben. Eugénie de Montijo kam als Kind zur Kur hierher, fand das Meer heilsam und vergaß den Ort nie. Als sie Napoleon III. heiratete, überzeugte sie ihn, den Sommer am Atlantik zu verbringen. 1854 baute das Kaiserpaar die Villa Eugénie direkt ans Meer – heute das einzige Hotel der Palace-Kategorie an der baskischen Küste, das Hôtel du Palais. Die Präsenz der Kaiserin machte aus dem Fischerdorf ein Ziel der europäischen Gesellschaft. Die Eisenbahnlinie Paris–Bordeaux bekam eine Verlängerung. Briten, Russen und Pariser kamen. Biarritz war angekommen.

Dann, 1895, ein hawaiianischer Prinz mit seltsamen Brettern im Gepäck. Jonah Kuhio Kalanianaʻole ritt damit über die Wellen der Grande Plage, Biarritz staunte, und ein Trendsport war geboren – der allerdings noch ein halbes Jahrhundert brauchte, um sich zu etablieren. In den 1950er-Jahren versuchte Georges Hennebutte auf einem Brett aus Spanplatten, den Wellen zu folgen, und gründete 1952 den ersten Surfclub Europas.

Weltbekannt als Surfer-Mekka wurde Biarritz durch einen Umweg über Hollywood. Der deutsche Schriftsteller und Drehbuchautor Peter Viertel wählte die Grande Plage als Kulisse für seinen Film „The Sun Also Rises” nach Hemingways Roman – und brachte das Surfen mit. Hemingway kannte die Küste, liebte sie. Seitdem hat Biarritz ein zweites Selbstbild: nicht mehr nur kaiserliches Seebad, sondern Ort, an dem das Wasser wichtiger ist als alles, was dahinter liegt.
Ich kenne keinen schöneren und prächtigeren Ort. Ich habe nur eine Befürchtung: dass er fashionable wird.
Victor Hugo

Spaziergang an der Küste von Biarritz
Der Spaziergang entlang der Küste funktioniert von Nord nach Süd, vom Leuchtturm bis zum kleinen Fischerhafen. Seit 1834 markiert der 73 Meter hohe Phare de Biarritz auf der Pointe Saint-Martin das Nordende der Buchten, im Juli und August kann man ihn besteigen, 248 Stufen, Aussicht auf alles. Ich spare mir das mal.

Von dort führt der Weg die Steilküste entlang. Treppen hinunter zu Buchten, in denen M. sofort badet. Von manchen Felsen springen junge Menschen elegant ins Wasser. Ich schaue zu.
Dann die Villa Belza: ein Gebäude, das aussieht, als hätte es jemand geträumt und dann doch gebaut. Maurische Bögen, neugotisches Türmchen, Art-Déco-Details, alles auf zerklüfteten Felsen direkt am Wasser. Der Volksmund sagt, es spukt dort. Das klingt plausibel. Am besten zu sehen vom Belvédère du Rocher, ein paar Schritte weiter.

In der Eden Rock Bar, Location auf einem Felsvorsprung, Beats, Drinks, sehr vorzeigbare junge und nicht mehr ganz so junge Menschen, sitzt mittendrin ein Dackel. Er sieht aus, als möchte er sich die Ohren zuhalten.

Dann die Passerelle, eine Eisenbrücke, die Gustav Eiffel 1887 baute und die auf einen Felsen führt: den Rocher de la Vierge. Napoleon III. wollte hier einen Schutzdeich für den Hafen bauen. Was blieb, ist die Brücke und eine weiße Marienstatue auf dem Gipfel, 1865 errichtet.
Früher soll die Polizei am Fuß des Felsens postiert gewesen sein, um Gläubige daran zu hindern, hinaufzuklettern und die Statue zu berühren. Heute klettert keiner hinauf. Alle bleiben unten und machen Selfies.

Der Wal? Ist weg.
Zwei Kurven weiter: der kleine Fischerhafen. Der Geruch von gebratenem Fisch steigt die Treppe herauf. Unter großen Sonnenschirmen sitzen Menschen, essen, trinken Wein.
Daneben, etwas versteckt am Atalaye-Plateau, das Aquarium, seit 1933 in einem Art-Déco-Bau. Hier wird auch vom Nordatlantischen Grauwal erzählt, der an dieser Küste jahrhundertelang gejagt wurde, bis er verschwand.
Die Zunge galt als Delikatesse, den Priestern vorbehalten. Das Walöl beleuchtete die Straßen. Biarritz hat eine Geschichte, die nicht nur aus Kaiserglanz besteht.

Meeresmuseum
im Art-Deco-Bau
Protect Oceans
Zu spät für den Nordatlantischen Grauwal

Grande Plage
Die Grande Plage ist in jeder Hinsicht groß. Ein breites Band aus goldgelbem Sand, bewacht von einem Art-Déco-Klotz mit Casino. Drinnen sitzen tatsächlich Menschen an Automaten. Blink, düdel, blink. Draußen reiten Surfer auf Wellen.

Die Surfer dümpeln wie Korken auf dem Wasser, schwarze Gestalten im Neopren, und ab und an springt eine davon auf ein Brett und reitet die Welle – ein paar Sekunden, fällt wieder ins Wasser. Seltsam, wie faszinierend das ist, obwohl immer dasselbe passiert.
M. hat am Morgen eine Surfstunde hinter sich. Aufstehen funktioniert so: erst in den herabschauenden Hund, dann ein Bein nach vorne, hoch, tief in die Knie, tiefer Schwerpunkt. Er ist ein paarmal gestanden. Ein Fotograf hat Bilder gemacht, M. kauft ihm keines ab. „Ich sah nicht elegant genug aus”, sagt er.
Dann sein eigentliches Urteil über den Sport: „Eigentlich ein blöder reichen-Sport, mit großen Autos, in denen man der perfekten Welle hinterherfährt. Aber irgendwie ist der Lifestyle auch faszinierend. Die Eleganz, die Bewegung. Und die sind alle so durchtrainiert.”
Surfen, um sich durchtrainiert zu fühlen. Ein interessanter Ansatz.
Einer der Surfer hat ein Tragflächenbrett – ein Foil. Er pumpt mit dem Körper und scheint über die Wellen zu schweben, kaum Kontakt zum Wasser. Ob das in der Surferszene als uncool gilt? Ich weiß es nicht. Es sieht jedenfalls aus wie etwas aus einem anderen Film.
Es rauscht und tost und brandet. Möwen kreischen. Kinder juchzen. Von irgendwoher riecht es nach Frittiertem. Die Grande Plage liefert zuverlässig ab.

Biarritz: der Ort
Biarritz ist, wenn man ehrlich ist, ein Gemisch. Prachtvolle Belle-Époque-Villen stehen neben Neubauten, die sich zwischen die alten Fassaden gedrückt haben wie jemand, der sich auf einem Foto vordrängelt. Autos zwängen sich überall durch. In den Boutiquen werden Illustrationen eines idealen Biarritz feilgeboten, sie sehen verdächtig KI-generiert aus. Die Stadt verkauft ihr eigenes Bild, und das Bild ist geleckter als die Wirklichkeit.

Badehaube
im Blümchen-Design
Prachtbau
Mit Palme

Die Markthalle lohnt sich. 1885 eröffnet, 2015 saniert, täglich von sieben bis halb drei geöffnet. Gemüse, Käse, Fisch und Meeresfrüchte aus dem Atlantik, frische Austern, kühler Weißwein dazu.
Rund um die Halle reihen sich weitere Läden, Feinkost, Mode, lässige Freizeitkleidung im baskischen Stil.

Markthalle
Esst mehr Obst und Gemüse!
Artischocken
Ich nenne sie auch „Schnöselgemüse“

Kaiserin Eugénie hat übrigens auch die Bademode reformiert. Das sogenannte Biarritz-Kostüm, das sie in den 1850er Jahren trug – leichter, beweglicher als die damals üblichen Wollungetüme –, gilt als früher Vorläufer des modernen Badeanzugs. Biarritz hat also nicht nur den europäischen Surfsport erfunden, sondern auch dafür gesorgt, dass man dabei etwas Vernünftiges anhatte.
Was bleibt von Biarritz? Das Meer!
Zum Sonnenuntergang stellen wir uns an eine Promenadenmauer. Eine Flasche Cidre aus Bayonne, der Nachbarstadt, in der das Bajonett erfunden wurde – beides hat nichts miteinander zu tun, aber beides gehört irgendwie zu dieser Küste. Wir sehen den Surfern zu. Der Foil-Surfer ist noch draußen, schwebt über das Wasser, pumpt, verschwindet hinter einer Welle. Am Horizont ziehen Gewitterwolken auf.

Was bleibt von Biarritz? Das Meer. Das Wasser, das sich an den Felsen bricht. Die Gischt. Das Donnern und Platschen. Das Knistern, wenn die Wellen den Strand zurückrollen und alles mitnehmen, was nicht niet- und nagelfest ist.
Den Rest – die Selbstinszenierung, die Porsches, die KI-Illustrationen in den Boutiquen – den spült das Wasser weg, wenn man lange genug davorsteht.
Am nächsten Morgen verlassen wir Biarritz im Regen. Zu Fuß zum Flughafen, drei Kilometer, von dort mit dem Bus nach Bilbao. Und das auf einer Interrail-Tour. Aber das ist eine andere Geschichte.
FAQ Biarritz
Sehr. Die Stadt ist kompakt und zu Fuß gut erschlossen – der Küstenspaziergang vom Leuchtturm bis zum Fischerhafen ist flach und problemlos zu gehen.
Das Kulturangebot ist nicht breit, aber vorhanden: Aquarium, Markthalle, das Malandain Ballet Biarritz mit zeitgenössischem und klassischem Tanz. Und dann natürlich: Surfen!
Es hilft, ist aber keine Voraussetzung. In Hotels, größeren Restaurants und touristischen Einrichtungen kommt man mit Englisch durch.
In der Markthalle und kleinen Läden freut man sich über ein paar Brocken Französisch – oder Baskisch, was allerdings niemand erwartet.
Zwei Tage sind ein gutes Maß. Ein Tag für den Küstenspaziergang, Rocher de la Vierge, Grande Plage und Fischerhafen, vielleicht noch eine Surfstunde.
Der zweite für Markthalle, Aquarium oder einen Ausflug in die Nachbarstadt Bayonne. Wer länger in der Region bleiben möchte, kann ins spanische Baskenland weiterreisen.
Ja, und manches spricht sogar dafür. Der Atlantik ist rauer, die Küste dramatischer, die Stadt ruhiger. Die Markthalle hat das ganze Jahr geöffnet.
Das Malandain Ballet Biarritz spielt ganzjährig. Und der Leuchtturm lässt sich zwar nur im Sommer besteigen, aber von außen ist er das ganze Jahr beeindruckend.
Ja. Biarritz ist sicher, übersichtlich und bietet genug für eine Soloreise. Die Markthalle eignet sich gut für eine Mittagspause allein, der Küstenspaziergang sowieso. Wer Gesellschaft sucht, findet sie in Surfschulen oder beim Malandain Ballet.

Sehenswert in Biarritz
| Ort | Info |
| Phare de Biarritz | Leuchtturm, 73 m, 248 Stufen. Besteigbar Juli/August, Eintritt ca. 3 €. Pointe Saint-Martin. |
| Rocher de la Vierge | Felsen mit Marienstatue, Eiffel-Brücke (1887). Freier Zugang, ganztägig. |
| Aquarium Musée de la Mer | Art-Déco-Bau, Plateau de l’Atalaye. aquariumbiarritz.com |
| Markthalle Les Halles | Täglich 7–14:30 Uhr, auch sonntags. In der Innenstadt. |
| Grande Plage | Der symbolträchtigste Strand in Biarritz. Er wird in der Saison überwacht, grenzt an eine angenehme Promenade und liegt in der Nähe vieler Geschäfte. Ideal zum Baden. |
| Côte des Basques | Ein legendärer Surfstrand mit Panoramablick auf die Klippen und die spanische Küste. Bei Flut verschwindet er vollständig. Ein beliebter Ort für Sonnenuntergänge. |
| Malandain Ballet | Biarritz Kulturprogramm ganzjährig. 23, avenue du Maréchal Foch. malandainballet.com |

Wo liegt Biarritz?
Biarritz ist eine französische Gemeinde im Départment Pyrénées-Atlantiques. Sie hat rund 26.000 Einwohner, liegt im baskischen Teil Südfrankreichs an der Grenze zu Spanien und am westlichen Rand der Pyrenäen. Das ehemalige Fischerdorf hat sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch die regelmäßigen Sommerbesuche von Kaiser Napoleon III. zum Seebad entwickelt. Heute ist Biarritz wegen der Atlantikwellen ein Hotspot für Surfer.
Anreise: Wie komme ich nach Biarritz?
Bahn: Der Bahnhof liegt 3 km vom Zentrum entfernt, Buslinie 8, 10.
Flugzeug: Der Flughafen Biarritz-Côte Basque liegt 3 km vom Stadtzentrum entfernt, erreichbar mit Buslinie 14 oder zu Fuß.
Bus: Der Flixbus fährt vom Flughafen ab, z.B. nach San Sebastian oder Bilbao.
Fahrrad: Biarritz liegt an der Vélodyssée, der Radwanderroute entlang der französischen Atlantikküste, die nach rund 1.300 Kilometern bei Hendaye an der spanischen Grenze endet und sich ab dort als Eurovelo 1 fortsetzt. cycling-lavelodyssee.com
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