Streetart in Nîmes: Große und kleine Bilder in Gambetta

Liebe Freundin von Welt,

manchmal geht man los, um wandfüllende Streetart zu suchen, und begegnet einem Künstler, der im Miniaturformat zeichnet. So war das in Nîmes.

Eure Kirsten, Freundin von Welt

Eine Karte für die Murals im Le Spot

Auf dem Plan, den man uns im Kulturcafé Le Spot in die Hand drückt, stehen 31 Nummern. Jede für ein Mural aus diesem Jahr. Der Rest ist nur noch als Punkt markiert, weil längst niemand mehr mitzählt, wie viele bemalte Wände Nîmes inzwischen hat. Es kommen immer neue Werke dazu, denn der Verein Le Spot veranstaltet seit 2012 jeden Spätsommer das Streetart-Festival Expo de Ouf!.

Le Spot Kulturcafé in Nîmes im Viertel Gambetta

Le Spot

Kulturcafé, abends Veranstaltungen

Streetart-Karte

Auf dem Plan sind die Murals eingezeichnet

Stadtplan: eine Karte, auf der die Streetart Murals in Nîmes im Viertel Gambetta eingezeichnet sind

Gambetta, auch Klein-Berlin genannt

Im Gambetta machen wir uns auf die Suche. Das ist nicht schwer, die Murals leuchten dicht an dicht an den kleinen Fassaden der niedrigen Häuser. Eins der bekanntesten Werke ist ein Porträt von Georges Brassens, gemalt vom Künstler Pyrate, 2015.

Nîmes nennt das Viertel Gambetta gern Klein-Berlin. Nicht, weil es so aussieht. Sondern weil hier dasselbe Rezept gewirkt hat wie einmal in Kreuzberg: billige Miete, leerstehende Häuser, genug Wut und Lust, um beides mit Farbe zu füllen. Gambetta und Richelieu waren Arbeiterviertel, bevor sie Kunstviertel wurden.

Nach dem Ende der französischen Kolonien zogen vor allem Algerienfranzosen hierher, später Zuwanderer aus vielen anderen Ländern. Beim Hochwasser 1988 stieg der Pegel bis zu drei Meter hoch, ganze Straßenzüge blieben beschädigt. Seit 2018 saniert die Stadt 2.640 Wohnungen im Viertel, mit gut fünf Millionen Euro Förderung. Klingt nach guten Nachrichten. Ist es auch, nur eben mit dem üblichen Haken: Wer saniert, wertet auf. Wer aufwertet, verdrängt am Ende oft genau die, die das Viertel lebenswert gemacht haben.

Die Murals waren vor der Sanierung da. Möglicherweise haben sie sie erst attraktiv genug dafür gemacht.

Mural Streetart Nîmes Gambetta

Bunt und beliebt

Hat die Streetart das Viertel attraktiv gemacht?

Murals finden

In Gabetta ganz einfach mit dem Plan

Mural Streetart Nîmes Gambetta

Kunst in einer ehemaligen Bäckerei

Zwischen zwei Murals stolpern wir in eine ehemalige Boulangerie in der Rue d’Aquitaine. Die Schaufensterscheibe trägt noch den alten Schriftzug.

An den Wänden hängen Bilder, dicht an dicht, in weißen Passepartouts. Kaum größer als eine Briefmarke. Mit Buntstiften gezeichnet. Ausstellungstitel: „Les Points Rouges – Miniatures“.

Der Mann, der die Miniaturen gezeichnet hat, heißt Johann Aubin. Er ist auf Madagaskar geboren, kam 2002 nach Frankreich, um Bildende Kunst zu studieren. Hat Fotografie gelernt. Dann geschweißt. Dann Fahrräder gebaut. Nîmes, sagt er, sei eine Stadt mit enormem kreativem Potenzial.

Johann Aubin ist viel mit dem Fahrrad unterwegs. Auf seinen Radreisen malt er abends, meist hungrig. „Ich habe ein kleines Skizzenbuch dabei. Jeden Abend, bevor ich esse, male ich ein Bild. Oft male ich die Landschaft. Manchmal das Essen, das ich mir wünsche, das ich auf einer Radreise aber nicht dabei habe.“ Kurze Pause. „Beim Reisen denke ich oft ans Essen. Die zwanzig Minuten, bevor die Sonne untergeht, sind ein poetischer Moment. Das Ende des Tages.“ Noch eine Pause. „Und wenn ich großen Appetit habe, sehen die Berge auch schon mal wie Eiscreme aus.“

Ich beschließe auf der Stelle, ein Bild zu kaufen. M. auch.

Die Seealpen, Hügelketten im Abendlicht: Frankreich, wie es sich anfühlt, wenn man es auf dem Rad durchquert, Etappe für Etappe, mit wachsendem Hunger. Daneben Desserts. Tartes, Cremes, Törtchen, zärtlich in Szene gesetzt. Dinge, die man sich wünscht und gerade nicht hat. Ein Menü der Entbehrung. Ich nehme ein Mille-feuille, ein Dessert. M. entscheidet sich schließlich für eine Berglandschaft mit Fahrrad.

Johann würde die Bilder sofort abnehmen und uns mitgeben, aber die Ausstellung läuft noch ein paar Tage. Wir fragen, ob er sie uns schicken kann, natürlich gegen Vorkasse. „In einem früheren Leben habe ich Sandalen gefertigt und bis nach Neuseeland verschickt“, sagt er. Das Vertrauen ist da.

Jeden Abend, bevor ich esse, male ich ein Bild. Und wenn ich großen Appetit habe, sehen die Berge auch schon mal wie Eiscreme aus.

Johann Aubin
Miniaturbild von Johann Aubin

Kleine Törtchen

Das Bild habe ich gekauft

Johann Aubin

Der Künstler zeichnet Miniaturen

Johann Aubin Porträt

Johann Aubin und die Fahrräder

Er zeigt uns sein Fahrrad, ein Peugeot-Faltrad, Jahrgang irgendwann-früher, restauriert, neuer Lack, neue Komponenten, die alte Seele noch drin. Damit ist er heute hier. „Mit der alten Dame pendle ich, so etwa 100 Kilometer am Tag schaffen wir locker.“

Ein ausgedruckter Zeitungsartikel an der Wand verrät mehr über den Künstler: Johann Aubin baut Liegeräder, sogenannte vélos couchés.

Auf ein solches Rad kam er über ein YouTube-Video von einem Paar, das damit durch die eigene Nachbarschaft fuhr. 2021 die erste Tour, bis Bordeaux. Danach 18.000 Kilometer. Das jüngste Modell: Vier Monate Bauzeit, bergab im Zentralmassiv bis zu 92 Kilometer pro Stunde. Im Handel kostet so ein Rad zwischen 6.000 und 7.000 Euro. Aubin baut deshalb an einer billigeren Variante aus Stahl, aus alten Rädern zusammengesetzt.

„Ich habe immer gebaut, was ich mir nicht kaufen konnte“, sagt er.

Faltrad

Faltrad

Die „alte Dame“ ist flott unterwegs

Ausstellung

Die Miniaturen in der ehemaligen Bäckerei

Miniaturbilder an der Wand in Nîmes Gambetta

Kleine und große Kunst an einem Nachmittag

Die Murals bleiben in Nîmes, bis jemand drüberstreicht oder eine Fassade saniert wird. Ein paar Tage, nachdem ich von der Reise zurückgekehrt bin, kommt ein Umschlag aus Nîmes an. Das Mille-feuille aus Buntstift und die Berglandschaft hängen jetzt bei uns in Hamburg. Briefmarkengroß.

Gearge Brassens Mural in Nîmes Gambetta

George Brassens

Den Chansonnier hat Pyrate im Jahr 2015 gemalt

Tiger

Wer schleicht denn da um die Ecke?

Tiger Streetart Nîmes Gambetta

Gut zu wissen

Start des Rundgangs: Kulturcafé Le Spot, 8 Rue de l’Enclos Rey, Nîmes. Dienstag bis Donnerstag 14–19 Uhr, Freitag und Samstag 14–21 Uhr, sonn- und montags geschlossen. Die Karte mit allen nummerierten Murals gibt es kostenlos vor Ort.

Streetart-Festival Expo de Ouf!: Für den jährlichen Zuwachs an Murals sorgt die Expo de Ouf!, das Streetart-Festival des Vereins Le Spot. Es gibt das Festival seit 2012, aus einem improvisierten Abend im kleinen Kreis ist inzwischen ein mehrmonatiges Programm geworden. Über 130 Fassaden hat die Expo de Ouf! in den ersten zehn Jahren bemalen lassen, kostenlos zugänglich, das ganze Jahr über. 2026 läuft die 14. Auflage. Vom 24. August bis 4. September malen acht eingeladene Streetartists neue Werke an Fassaden in Gambetta und Richelieu.

Lage: Die Viertel Gambetta und Richelieu liegen etwa 15 Gehminuten von der Maison Carrée entfernt, fußläufig vom Zentrum aus zu erreichen.

Die Ausstellung: „Les Points Rouges – Miniatures“ von Johann Aubin, in einer ehemaligen Boulangerie in der Rue d’Aquitaine. Die Ausstellung ging nur drei Tage. Aber wer weiß: Wenn Ihr vorbeikommt, guckt mal rein, vielleicht läuft ja gerade eine neue Ausstellung.

Miaw!

Die Katze wartet an der Ecke

Großflächig

Manche Murals füllen die ganze Fassade

FAQ zu Streetart in Nîmes

Wo starte ich am besten, um die Streetart in Nîmes zu sehen?
Im Kulturcafé Le Spot im Viertel Gambetta. Dort gibt es kostenlos die Karte mit allen nummerierten Murals.

Wie viele Wandbilder gibt es im Viertel Gambetta und Richelieu?
Alleine aus dem laufenden Jahr sind 31 nummeriert, dazu kommen ältere Werke aus den Jahren zuvor. Eine Gesamtzahl führt niemand mehr offiziell.

Warum werden Gambetta und Richelieu „Klein-Berlin“ genannt?
Wegen der Ausgangslage, nicht wegen der Optik: billige Mieten, Leerstand, ehemalige Arbeiterviertel, die sich über Streetart zu Kunstvierteln entwickelt haben, ähnlich wie einst Kreuzberg.

Sind die Viertel Gambetta und Richelieu von der Stadtsanierung betroffen?
Ja. Seit 2018 saniert die Stadt Nîmes rund 2.640 Wohnungen im Rahmen eines Förderprogramms mit gut fünf Millionen Euro. Ziel ist unter anderem der Hochwasserschutz nach der verheerenden Flut von 1988.

Wer ist Johann Aubin?
Ein aus Madagaskar stammender Künstler und Fahrrad-Bastler, der zum Zeitpunkt unseres Besuchs seine Buntstift-Miniaturen in einer ehemaligen Bäckerei in der Rue d’Aquitaine zeigte.

Ist das Viertel weit vom Zentrum von Nîmes entfernt?
Nein, rund 15 Gehminuten von der Maison Carrée.

Kameraüberwachung?

Die Smartphones haben ihre Augen überall

Streetart

Blumen beraknke die Fassade

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