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Interrail für Erwachsene: Die Freiheit liegt im Regionalzug

Liebe Freundin von Welt,

„Interrail mit über 50, geht das überhaupt?“, wurde ich immer gefragt. Sieben Reisetage, elf Städte, Hamburg bis Venedig und zurück. Ich habe es ausprobiert.

Deine Kirsten, Freundin von Welt

Gezeichnete Europakarte mit der Interrail-Route: Hamburg, Recklinghausen, Lecco, Genua, Nîmes, Biarritz, Bilbao, Barcelona, Lyon, Bologna, Venedig
Elf Städte, sieben Reisetage. Vier der Fahrten liefen ohne Interrail-Pass.

Wie Interrail ist, wenn man über fünfzig ist

Zwei Rucksäcke, zehn Kilo und 9,5. Darin eine neue Teekanne, 0,75 Liter, ein iPad zum Bloggen und zwei Biwacksäcke. Die hat M. eingepackt, weil ich befürchtet hatte, wir könnten irgendwo in Europa ohne Bett dastehen. Wochen später werden sie ungeöffnet wieder in Hamburg ankommen.

Dann fahren wir los. Mit dem Deutschlandticket. Im Regionalzug nach Recklinghausen.

Auf dem Bahnsteig tragen die Frauen lange, weite, gemusterte Kleider und sehen fast elegant aus. Die Herren tragen kurze Sporthosen. Der Sommer in Deutschland hat begonnen. Und ich mache zum ersten Mal Interrail.

Als der Interrail-Pass am 1. März 1972 aufgelegt wurde, durfte ihn nur kaufen, wer höchstens 21 war. Diese Leute sind heute siebzig und älter.

Ein historisches Werbeposter der DB für Interrail, wahrscheinlich 1980. Mit Papierpass lässig in der hinteren Hosentasche.

Der Pass ist gebucht, die Route noch nicht geplant

Hamburg–Recklinghausen–Dortmund · Deutschlandticket, kein Reisetag

Im Regionalzug beginnen M. und ich, die Reise zu planen. Interrail, so heißt es doch, ist so ein spontanes Ding. Die Sonne spiegelt sich in M.s Display und blendet mich. Ein Mann, der plant, eine Frau, die geblendet wird: die Arbeitsteilung dieser Reise. Bleibt das so?

Bei Diepholz kein Empfang. Die Route steht noch nicht. Bratislava? Triest? Piran? Oder doch Italien und dann weiter nach Frankreich?

Eigentlich wollten wir zuerst in die Bretagne, doch die TGV-Züge waren für Reisende mit Interrail-Ticket komplett ausgebucht.

Erst aber ein paar Tage im Ruhrgebiet, bevor der Ernst des Interrails beginnt.

Im Pott: Recklinghausen und das Ruhrgebiet

Zeche Zollverein im Ruhrgebiet
Zeche Zollverein im Ruhrgebiet

Drei hartgekochte Eier in der ersten Klasse

Ich aktiviere meinen Interrail-Pass in der S-Bahn nach Dortmund, mit einem Tippen in der Railplanner-App. Es klappt. Es ist aufregend, und es ist ein bisschen albern, dass es aufregend ist.

Was man wissen sollte: Ein Interrail-Pass hat Reisetage und Geltungstage, und das sind zwei verschiedene Dinge. Sieben Reisetage innerhalb eines Monats heißt, dass an sieben Kalendertagen gefahren werden darf und an den restlichen gut drei Wochen nicht. Fährst du am Sonntag um 23 Uhr los und kommst am Montag an, kann das zwei Tage kosten oder einen, je nach Zug. Reservierungspflicht gibt es obendrauf, aber nur in manchen Ländern, in manchen Zügen. Ein System, das etwas undurchschaubar wirkt.

Was sich auch merkwürdig anfühlt: Die ganze Reise hängt jetzt an einem Akku.

Dieses Schweiz-Gefühl: alles funktioniert

Montag, 25. Mai · Dortmund–Basel–Lugano-Chiasso–Como–Lecco · 1. Reisetag

Endlich im ICE. Dortmund–Basel im Ruhewagen der ersten Klasse. Zwei Plätze ohne Fenster sind noch frei, wir nehmen sie. Komfortabel.

Umstieg in Basel Richtung Lugano, und sofort dieses spezielle Schweiz-Gefühl. Sauber, geordnet, der Bahnhof groß und gut strukturiert, der Zug pünktlich. Hier funktioniert alles, denke ich. Ein Maßstab für die kommenden Wochen.

Die Schweizer Züge rauschen. Sie ruckeln nur ganz leicht. Die Sitze sind breit, und am besten sind die, die sich gegenüberstehen und dabei leicht versetzt sind, so dass man einander nicht ins Gesicht guckt.

M. überlegt, auf welcher Seite wir den besseren Ausblick haben. Wir setzen uns nach rechts. Der Vierwaldstättersee liegt dann links. Umsetzen wäre eine Kapitulation, also bleiben wir sitzen und schauen über den Gang.

Später, so erzählt M., war die Aussicht auf unserer Seite dann einfach wunderbar. Aber da war ich gerade ein wenig eingenickt.

M. isst noch schnell drei hartgekochte Eier. Wir hatten so viele zu Hause, die mussten mit. Die erste Klasse der Schweizerischen Bundesbahnen verträgt das.

Wer in der Schweiz aussteigen und bleiben möchte, klickt hier:

Schweiz: 9 Gründe, das Tessin zu lieben

Urlaub in Italien!

Die ersten Berge. Menschen baden im See. In Lugano vier Minuten Umsteigezeit, und weil der Zug auf die Sekunde genau in den Bahnhof einrollt, ist das kein Problem, sondern eine kleine Freude. Paradiso, Mendrisio, dann die Grenze bei Chiasso. Und ein Ohrwurm, der bis Genua bleibt: „Urlaub in Italien“ von Erobique.

In Como stürmen laute Horden in den Zug. Auch in die erste Klasse, die es hier nicht mehr zu geben scheint. Telefonierende Frauen. Ein Mann neben mir, der keinen Kontakt scheut. Kinder mit Lollis im Mund und plärrenden Tablets in der Hand. Es riecht nach süßblumigem Parfüm, die Luft klebt wie das Gloss auf den Lippen der Frau schräg gegenüber, die knapp oberhalb meines Knies ihr Ladekabel in die Steckdose rammt. Ihr iPhone liegt auf ihrem nackten Oberschenkel, gehalten allein von Schweiß.

Vom Bahnhof Lecco sind es drei Kilometer zu Fuß zur Unterkunft. Mit dem Rucksack gut machbar.

Hier mit uns in Lecco aussteigen:

Lecco am Comer See: der ruhige Ostzipfel

Comer See im Abendlicht bei Lecco
In Lecco am Comer See

Die Strecke, die keinen Reisetag kostet

Mittwoch, 27. Mai · Lecco–Genua · Regionalbahn, kein Reisetag

Zwei Tage später, Lecco–Genua. Die Regionalbahntickets kosten je rund 15 Euro, gebucht über Trainline. Dafür brauchen wir keinen unserer kostbaren Reisetage. In Monza steigen wir um, die Gänge zum Bahnsteig sind viel zu eng, aber es funktioniert, obwohl die italienische Bahn heute eigentlich streikt.

In Milano steht eine laute Jungsgruppe auf dem Bahnsteig. „Christian Dior“ steht auf ihren Taschengurten. Sie tragen weiße Sportsocken, korrekt hochgezogen, in Designer-Adiletten. Einem sind die Schlappen deutlich zu klein, beim Herumalbern verliert er sie ständig.

In Genua empfängt uns am Bahnhof eine große Kolumbus-Statue. Sein Heimatort, richtig.

Sonnenschirme wie Blüten in Beeten

Freitag, 29. Mai · Genua–Ventimiglia–Nîmes · 2. Reisetag

Morgens geht es weiter Richtung Nîmes. Bei Ventimiglia Grenzübergang nach Frankreich. In Italien ist noch immer Streik, wir fahren trotzdem.

Eine Schulklasse steigt ein. Die Eltern filmen mit dem Handy und winken. Ein Vater mit Hund läuft ekstatisch Kusshändchen werfend neben dem anfahrenden Zug her. Bahnfahren in Italien muss ein aufregendes Abenteuer für junge Menschen sein.

In San Remo, das einen unterirdischen Bahnhof hat, höre ich zum ersten Mal Französisch im Zug. Danach fahren wir am Meer entlang, direkt am Meer, und durch viele Tunnel. Das Rausgucken wird immer wieder jäh unterbrochen. An den schmalen Stränden stehen Liegestühle akkurat aufgereiht. Die Sonnenschirme sind noch geschlossen, sie werden sich später öffnen wie Blüten in sorgsam angelegten Beeten. Gelb, blau-weiß, grün-weiß. Alles sortiert, alles exakt ausgerichtet.

Diese Fahrt kostet keinen Zuschlag und keine Reservierung. Regionalzug, Grenze bei Ventimiglia, ein halber Tag am Wasser. Es ist eine der schönsten Strecken der ganzen Reise.

Die schnellen Züge verlangen eine Reservierung, und eine Reservierung ist ein fester Termin. Wer die Route um die Regionalzüge herum baut, kann morgens noch entscheiden, wohin er fährt. Die Freiheit, mit der Interrail wirbt, steckt in den langsamen Zügen. Nur bewirbt sie dort niemand.

Zwischen Nizza und Marseille steigt eine Gruppe US-Amerikaner ein, Mitte sechzig. Sie bewundern den Meerblick, lassen ihre Reisestationen Revue passieren und reden hauptsächlich über Geld, von dem sie viel zu haben scheinen. „Audrey is good at spending money“, erfahre ich.

Aussicht aus dem Zugfenster
Aussicht aus dem Zugfenster

Empfang wie für Staatsgäste

Freitag, 29. Mai · Ankunft Nîmes

Nîmes empfängt uns wie Staatsgäste. Alte Säulen im Bahnhof, davor ein breiter Boulevard nur für Fußgänger, der in die Stadt führt. Alleen.

Nîmes war einmal berühmt für einen Stoff: Serge de Nîmes, ein Köpergewebe aus Wolle und Seide. Dass daraus das englische Wort Denim geworden ist, steht in den meisten Nachschlagewerken. Die Textilhistorikerinnen bestreiten es, und ihr Argument ist schlicht: Denim war immer aus Baumwolle. Womöglich haben englische Händler ihrem eigenen Stoff nur einen französischen Namen gegeben, weil der sich besser verkaufte.

Sicher ist das andere. Denim hat einen blau gefärbten Faden und einen naturbelassenen, außen blau, innen hell. Und der Barchent, den Genua im 16. Jahrhundert nach England lieferte, hieß dort jean, nach Gênes. Zwei Städte, zwei Stoffe, ein Missverständnis.

Hier mit uns in Nîmes aussteigen:

Nîmes-Tipps: Römer, Krokodile und die beste Stockfischcreme Frankreichs

Streetart in Nîmes: Große und kleine Bilder in Gambetta

In Nîmes hängt das Stadtwappen schon am Bahnhof: ein Krokodil unter einer Palme

Berge-und-Meer-Tag

Sonntag, 31. Mai · Nîmes–Narbonne–Biarritz · 3. Reisetag

Morgens steigen wir in den Zug Richtung Narbonne. Ziel ist Biarritz. „Heute ist Berge-und-Meer-Tag“, sagt M. „Vielleicht sehen wir die Pyrenäen.“ Er ist scharf auf die Pyrenäen, am liebsten würde er mit dem Rad rüberfahren.

Dann sitzen wir. Dösen. Lassen die Landschaft vorbeiziehen. Und steigen schon wieder um. Von den sieben Reisetagen ist das der dritte, und er besteht fast vollständig aus Sitzen.

Hier mit uns in Biarritz aussteigen:

Ein Wochenende in Biarritz: Atlantik, Adel, Artischocken

Biarritz, das Surf-Paradies

Mit dem Bus über die Grenze

Dienstag, 2. Juni · Biarritz–Bilbao · Flixbus, kein Reisetag

Biarritz entlässt uns mit Regen, das macht den Abschied leicht. Der Bahnhof liegt viel zu weit vom Zentrum entfernt, der schöne alte Jugendstilbahnhof in der Stadt ist heute ein Theater. Wir gehen zu Fuß zum Flughafen, um von dort mit dem Flixbus nach Bilbao zu fahren. Das kostet weniger als 20 Euro, verbraucht keinen Reisetag auf dem Interrail-Pass und ist deutlich schneller als jede Bahnverbindung über die Grenze. So kann Interrail also auch sein.

Bilbao: das Guggenheim, ein Küstenwanderweg, das Tanzfestival ACT, Pintxos. Die Stadt hat einen eigenen Beitrag verdient, der ist in Arbeit.

In Bilbao mögen nicht alle Touristen

Der Endgegner heißt Sitzplatzreservierung

Bilbao–Barcelona · 4. Reisetag

Bilbao, kurz vor der Abfahrt nach Barcelona. M. stellt sich im Reisezentrum an, um schon mal Sitzplätze von Barcelona nach Lyon zu buchen. Sehr vorausschauend. Aber: Montag ausverkauft, Dienstag ausverkauft. Also müssen wir Barcelona schon am Sonntag verlassen.

Halten wir das kurz fest: Ein Schalter in Bilbao entscheidet, wie lange wir in einer Stadt bleiben, in der wir noch gar nicht angekommen sind. Der Pass verspricht Freiheit, das Reservierungssystem holt sie sich zurück, rückwirkend.

Dann die Fahrt nach Barcelona. Die Reservierung wird vor dem Gleiszugang gescannt. Der Zug verlässt den Bahnhof im Schneckentempo und behält es bei, durch karge Landschaft, bei der ich an „Jamón Jamón“ denken muss. Die spanischen Bahnen wackeln und rattern laut. Über 40 Minuten Verspätung, Ankunft nachts. Der Zuschlag hat für jeden von uns über 30 Euro gekostet. Kein WLAN. Ich bin nicht überzeugt.

„The Last Great Adventure is you“ von Tracey Emin in Bilbao. Interrail ist vielleicht auch das letzte große Abenteuer. Aber anscheinend nicht für diese Frau.

Kurzer Kassensturz: was Interrail für Erwachsene kostet

Rechnen wir einmal nach. Mein Pass hat 387 Euro gekostet, sieben Reisetage in einem Monat, erste Klasse. Auf der Liste steht er mit 495, ich habe ihn in einer Rabattaktion gekauft. Das ist schon die erste Auffälligkeit: Interrail wirbt fast durchgehend mit Nachlässen zwischen 15 und 25 Prozent. Der Listenpreis ist ein Preis, den kaum jemand bezahlt.

387 Euro auf sieben Reisetage sind rund 55 Euro pro Tag, an dem wir überhaupt fahren durften. Dazu kommen die Zuschläge. Der eine, den ich genau kenne, kostete über 30 Euro pro Person für eine Fahrt mit 40 Minuten Verspätung und ohne WLAN. Für Bilbao–Barcelona also gut 85 Euro pro Kopf, wenn man den Reisetag anteilig mitrechnet.

Und diese Zuschläge gehen nicht an Eurail, sondern an die jeweilige nationale Bahn. Derselbe Fahrgast zahlt zweimal, einmal beim Pass und einmal am Schalter. Aber die Eurail Group, die den Pass verkauft, gehört über 35 europäischen Bahn- und Fährgesellschaften. Es kommt mir vor, als würde da jemand doppelt kassieren.

Warum Interrail mit 50+ besser funktioniert als mit 22

Wir haben immer schon die nächsten zwei Stationen im Kopf. Funktioniert die Route? Kommen wir hin, kommen wir auch wieder weg? Welche Unterkunft? Da ist M. mit Booking gut dabei, er findet kleine Wohnungen, meist deutlich unter 100 Euro pro Nacht. Das hätten wir uns mit Anfang 20 nicht leisten können.

Die Verbindung Frankreich/Italien ist kompliziert, da sind die Alpen im Weg. Ab Domodossola fährt gerade kein Zug, also überlegen wir neu.

Diese Art zu reisen ist teuer, und zwar nicht nur in Euro, sondern in Puffer. Sie braucht Geld für den Zuschlag, der nicht eingeplant war. Sie braucht eine Nacht mehr, wenn eine Strecke ausfällt. Und sie braucht die Gelassenheit, eine Stadt auszulassen, ohne das Gefühl zu haben, etwas versäumt zu haben.

Mit 22 hat man von alldem weniger. Deshalb fahren die Zwanzigjährigen nachts, um das Hotel zu sparen, und sehen dabei nichts. Deshalb machen sie sieben Länder in zehn Tagen. Sie stellen sich klug an. Sie reisen nur unter Bedingungen, unter denen dieser Pass sein Versprechen gar nicht einlösen kann.

Ich sage das mit der gebotenen Demut. Wir haben schließlich zwei Biwacksäcke durch elf Städte geschleppt, für den Fall, dass Europa ausgebucht ist.

Seit Erik Cohen 1973 die ersten Rucksackreisenden beschrieben hat, die ohne Route und ohne Zeitplan losfuhren, hat die Tourismusforschung zugesehen, wie aus jeder dieser Bewegungen ein Angebot wurde. Der Rucksacktourismus der Achtziger ist heute ein durchorganisiertes Segment mit Boutique-Hostels und geführten Touren. Ich vermute, in fünf Jahren gibt es Gruppenreisen mit Interrail-Feeling, buchbar beim ADAC.

Alles, was wir ausgelassen haben

Sonntag, 7. Juni · Barcelona–Lyon · 5. Reisetag

Abfahrt von Barcelona, sonntagfrüh. Das Einchecken im Bahnhof ist gewöhnungsbedürftig: erst oben durch eine Sicherheitskontrolle, Gepäck durchleuchten. Irgendwo anstellen. Dann ändert sich etwas, wir werden zu einem Pulk zusammengetrieben und in einer Ecke geparkt. Wieder neu anstellen. Und erst dann runter zum Gleis.

In Lyon bleiben wir nur eine Nacht. Beim Ankommen sagen wir noch: Weiterfahren? Ach nein, ist ganz schön hier, hier könnten wir bleiben. Am nächsten Morgen fahren wir trotzdem weiter. Lyon an einem Nachmittag war zu kurz.

„Man kann nicht alles machen.“ Diese Erkenntnis ist irgendwann da. Leicht erschöpft bin ich, ein bisschen satt von den vielen Eindrücken. Überall nur zwei Nächte, also etwa eineinhalb Tage, in Lyon sogar kürzer. Ist das zu schnell? Zu hektisch? Fest steht: In Bologna bleiben wir länger.

Der Genfersee sieht aus wie ein Croissant

Montag, 8. Juni · Lyon–Genf–Mailand–Bologna · 6. Reisetag

Lyon–Bologna, viermal umsteigen. Die Fahrt nach Genf ist schön, Blick in die Berge und auf all die Orte, die wir als Halt für uns auslassen. M. trackt den Verlauf am Bildschirm mit einer Karten-App mit und zeigt auf die Seen, in denen er hätte baden können. Der Genfersee hat von oben die Form eines Croissants, dahinter die Berge, vermutlich der Montblanc.

In Mailand steigen wir zum ersten Mal in einen Frecciarossa. Breite Sitze mit Lederbezügen, und ein Servicewagen, der Snacks bringt. Es gibt salzig und süß. Salzig ist ein winziges Wurstbrötchen. Süß ist ein trockener Keks. Die Höchstgeschwindigkeit, die ich auf dem Bildschirm sehe: 298 km/h.

Nächster Halt. Prochain arrêt. Prossima fermata. Drei Sprachen für dieselbe Auskunft. Nur die Schweiz spricht uns mit „Geschätzte Fahrgäste“ an.

Der Historiker Valentin Groebner hat die These aufgestellt, Reisen verändere gar nichts, höchstens die eigene Darmflora, und auch die nur vorübergehend. Ich widerspreche. Auf der Fahrt durch Europa werde ich mehr und mehr zur Europäerin. Ich nehme die Geschichte und die Geschichten in mich auf und trage sie mit nach Hause. Dort setze ich um, was ich unterwegs gesehen habe, und sei es nur die Gilda, der Pintxo-Spieß, den ich in Bilbao gegessen habe und den sie 1946 in San Sebastián erfunden haben: eine Olive, eine eingelegte Guindilla, eine Anchovis. Benannt nach der Figur, die Rita Hayworth im selben Jahr spielte, weil ein Gast fand, das Ding sei wie sie. Salzig und ein bisschen scharf. Ich weiß hinterher mehr und verstehe mehr.

Und was die Darmflora betrifft: Die gilt inzwischen als zweites Gehirn. Wenn sich die verändert, umso besser.

Frecciarossa: die roten Schnellzüge der italienischen Bahn

Über das Wasser nach Venedig

Freitag, Bologna–Venedig · Regionalzug, kein Reisetag

Bologna, drei Tage, vier Nächte. Danach der Regionalzug nach Venedig, wieder ohne Reisetag, gebucht über Trainline. Dann geht es über den Damm, übers Wasser, bis die Serenissima im Blickfeld erscheint.

Hier mit uns in Venedig aussteigen:

Fondamenta delle Zattere in Venedig: Ein Spaziergang

Im Labyrinth von Venedig: Calle, Campo, Sotoportego

Venedig im Herbst: 9 Tipps

Die Waben im Nachtzug

Sonntag, Venedig–Innsbruck–Hamburg · 7. Reisetag

Venedig–Hamburg, siebter und letzter Reisetag. Mit dem EC bis Innsbruck, große Baustelle am Brenner, Verspätung. In Innsbruck steht der Nightjet am Gleis gegenüber und wartet auf uns.

Wie die Maden liegen sie da schon in ihren Waben. Und wir gleich auch.

Wie eine Mini-Cabin von innen funktioniert, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben:

Schlafen auf Schienen: Eine Nacht in der Mini-Cabin im ÖBB Nightjet

Beim ersten Versuch, die Leiter zur oberen Kabine zu erklimmen, stoße ich mir das Knie. Das gibt einen blauen Fleck. Und die winzige Zwischentür am Kopfende hat zwei Haken, auf jeder Seite einen. Sie öffnet sich nur, wenn beide gleichzeitig auf offen gedreht werden. Reden geht. Etwas durchreichen auch. Im Sitzen sehen wir uns nicht, und kuscheln geht schon gar nicht.

Ausgeschlafen kommen wir in Hamburg an.

Die, die 1972 mit einundzwanzig losgefahren sind, sind heute Mitte siebzig. Sie können immer noch fahren. Sie zahlen sogar zehn Prozent weniger.

Die Reise in Zahlen

Was?So war es bei mir:
RouteHamburg → Recklinghausen → Lecco → Genua → Nîmes → Biarritz → Bilbao → Barcelona → Lyon → Bologna → Venedig → Hamburg
PassGlobal Pass, 7 Reisetage in 1 Monat, 1. Klasse
Bezahlt387 € in einer Rabattaktion, Listenpreis 495 €
Ohne Reisetag gefahrenHamburg–Recklinghausen (Deutschlandticket), Lecco–Genua (Regionalbahn, ca. 15 €), Biarritz–Bilbao (Flixbus, unter 20 €), Bologna–Venedig (Regionalzug)
Schönste StreckeGenua–Ventimiglia–Nizza. Regionalzug, kein Zuschlag
Gepäck10 kg und 9,5 kg. Zwei Biwacksäcke, nie gebraucht
AppsRailplanner (Pflicht), Trainline, lokale Bahn-Apps, Booking

Häufige Fragen zu Interrail für Erwachsene

Lohnt sich Interrail, wenn man über fünfzig ist?

Ja, aber aus anderen Gründen als mit zweiundzwanzig. Der Pass belohnt Puffer: eine Nacht mehr, wenn eine Strecke ausfällt, einen Zuschlag, der nicht eingeplant war, und die Gelassenheit, eine Stadt auszulassen. Wer das mitbringt, bekommt die Freiheit, mit der geworben wird.

Was kostet ein Interrail-Pass wirklich?

Der Listenpreis für sieben Reisetage in einem Monat liegt bei 381 Euro in der zweiten Klasse und 495 Euro in der ersten (Stand August 2026). Ich habe für die erste Klasse 387 Euro bezahlt, gekauft während einer Rabattaktion. Interrail wirbt fast durchgehend mit Nachlässen zwischen 15 und 25 Prozent. Wer nicht in Eile ist, wartet auf eine.

Gibt es einen Seniorenrabatt?

Zehn Prozent ab sechzig, gerechnet auf den Erwachsenenpreis, maßgeblich ist das Alter zu Beginn des Nutzungszeitraums. Das ist allerdings meist weniger als eine normale Rabattaktion. Neu ist die Idee übrigens nicht: „Interrail Senior“ gab es schon 1979, damals ab 65.
Hier geht es zum Seniorenrabatt

Reisetage oder Geltungstage: Was ist der Unterschied?

Reisetage sind die Kalendertage, an denen du fahren darfst. Geltungstage sind der Zeitraum, in dem du sie verbrauchen kannst. Sieben Reisetage in einem Monat heißt: an sieben Tagen Zug, an den übrigen gut drei Wochen nicht. Eine Fahrt über Mitternacht kann einen Tag kosten oder zwei, je nach Zug.

Wo brauche ich eine Reservierung, und was kostet sie?

In Deutschland und Österreich gar keine. In Frankreich, Spanien und Italien fast immer, sobald der Zug schnell ist. Es ist kompliziert.

Muss ich jede Strecke mit dem Pass fahren?

Die günstigsten Fahrten meiner Reise liefen ohne ihn. Hamburg–Recklinghausen mit dem Deutschlandticket, Lecco–Genua als Regionalbahn für rund 15 Euro über Trainline, Biarritz–Bilbao mit dem Flixbus für unter 20 Euro, Bologna–Venedig wieder regional. Vier Fahrten, für die kein Reisetag draufging. Bei rund 55 Euro pro Reisetag lohnt sich das Nachrechnen jedes Mal.

Welche Apps brauche ich?

Railplanner ist Pflicht. Dort liegt der Pass, dort wird jeder Reisetag aktiviert. Trainline für die Tickets, die außerhalb des Passes laufen. Die Apps der regionalen Bahnunternehmen. Booking für die Unterkünfte. Und ein Gedanke, der unterwegs kam: Die ganze Reise hängt damit an deinem Smartphone und dem Akku darin. Ladekabel und Powerbank mitnehmen.


Wie du die Reisetage clever legst, welche Passarten es gibt, wann du Reservierungen vorab buchen musst und wo die Fallen im Detail liegen:

→ Interrail planen, der Praxisteil: Beitrag folgt

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